Anämie durch Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
Die Anämie durch einen Mangel des Enzyms Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase ist eine der häufigsten erblichen Enzymstörungen des Menschen weltweit und betrifft die roten Blutkörperchen, in denen dieses Enzym eine zentrale Rolle beim Schutz vor oxidativem Stress spielt. Bei ausreichender Aktivität des Enzyms werden schädliche, im Rahmen des normalen Zellstoffwechsels sowie durch äußere Einflüsse entstehende reaktive Sauerstoffverbindungen wirksam unschädlich gemacht, während ein Mangel dieses Enzyms die roten Blutkörperchen anfällig für eine akute Schädigung und einen vorzeitigen Zerfall macht, sobald sie einem zusätzlichen oxidativen Stress ausgesetzt werden. Die Erkrankung ist besonders in Regionen mit historisch hoher Malariaverbreitung, etwa im Mittelmeerraum, in Afrika sowie in Teilen Asiens, weit verbreitet, da der Enzymmangel einen gewissen Schutz vor einer schweren Malariaerkrankung bietet.
Ursachen
Die Anämie durch Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel wird durch Veränderungen im entsprechenden, auf dem X-Chromosom gelegenen Gen verursacht, weshalb Männer, die nur eine Genkopie besitzen, deutlich häufiger und meist ausgeprägter betroffen sind als Frauen, bei denen die zweite, gesunde Genkopie die Enzymfunktion teilweise kompensieren kann. Der eigentliche Blutzerfall wird nicht durch den Enzymmangel selbst, sondern durch zusätzliche, den oxidativen Stress erhöhende Auslöser ausgelöst, zu denen bestimmte Medikamente, insbesondere manche Malariamittel, Sulfonamid-Antibiotika sowie bestimmte Schmerzmittel zählen. Der Verzehr von Favabohnen, auch als Saubohnen oder dicke Bohnen bekannt, kann bei entsprechend veranlagten Menschen ebenfalls einen akuten Blutzerfall auslösen, weshalb diese Verlaufsform auch als Favismus bezeichnet wird. Auch akute bakterielle oder virale Infektionen können durch den damit verbundenen oxidativen Stress einen Krankheitsschub auslösen.
Symptome
Zwischen den akuten Krankheitsschüben sind Menschen mit Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel meist völlig beschwerdefrei und weisen ein normales Blutbild auf. Nach Kontakt mit einem auslösenden Faktor, etwa der Einnahme eines auslösenden Medikaments oder dem Verzehr von Favabohnen, entwickelt sich innerhalb von ein bis drei Tagen ein akuter Blutzerfall mit rasch einsetzender Blässe, ausgeprägter Müdigkeit und Schwäche, Herzrasen sowie Gelbfärbung von Haut und Augen. Ein charakteristisches, wenn auch nicht immer auftretendes Symptom ist eine dunkle, rötlich-bräunliche Verfärbung des Urins, die durch den in die Blutbahn freigesetzten roten Blutfarbstoff entsteht. Bei ausgeprägtem Blutzerfall können starke Rückenschmerzen sowie, insbesondere bei Neugeborenen mit dieser Erkrankung, eine bedrohliche Neugeborenengelbsucht auftreten, die eine gezielte Behandlung erfordert, um eine Schädigung des Gehirns durch das erhöhte Bilirubin zu verhindern.
Diagnostik
Die Diagnose des Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangels wird durch eine gezielte Bestimmung der Enzymaktivität in den roten Blutkörperchen gestellt, wobei diese Messung idealerweise außerhalb eines akuten Krankheitsschubs erfolgen sollte, da sich während eines akuten Blutzerfalls bevorzugt die jüngeren, noch relativ enzymreicheren roten Blutkörperchen im Blut befinden, was das Messergebnis verfälschen und einen bestehenden Mangel maskieren kann. Eine sorgfältige Anamnese mit Frage nach eingenommenen Medikamenten, dem Verzehr von Favabohnen sowie nach vorausgegangenen Infektionen liefert wichtige Hinweise auf den auslösenden Faktor eines akuten Krankheitsschubs. Während eines akuten Schubs zeigen sich im Blutausstrich charakteristische Veränderungen der roten Blutkörperchen sowie erhöhte Werte der Blutzerfallsparameter Bilirubin und Laktatdehydrogenase.
Behandlung
Die wichtigste Maßnahme bei bekanntem Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel ist die konsequente Vermeidung bekannter auslösender Faktoren, insbesondere bestimmter Medikamente sowie des Verzehrs von Favabohnen, weshalb betroffene Personen eine Liste der zu meidenden Substanzen erhalten sollten. Bei einem akuten Krankheitsschub steht zunächst das sofortige Absetzen des auslösenden Medikaments sowie eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr im Vordergrund, um die Nierenfunktion vor dem freigesetzten roten Blutfarbstoff zu schützen. Bei stärkerem Blutzerfall mit ausgeprägter Anämie kann eine Bluttransfusion notwendig werden, um die Sauerstoffversorgung des Körpers sicherzustellen. Bei Neugeborenen mit ausgeprägter Gelbsucht kommt eine Lichttherapie oder, in schweren Fällen, ein Blutaustausch zum Einsatz, um eine Schädigung des Gehirns durch das erhöhte Bilirubin zu verhindern.
Verlauf und Prognose
Die Prognose des Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangels ist bei konsequenter Vermeidung der bekannten auslösenden Faktoren sehr gut, da Betroffene zwischen den Krankheitsschüben ein völlig normales Leben ohne relevante Beeinträchtigung führen können. Ein akuter Krankheitsschub bildet sich bei den meisten Betroffenen nach Absetzen des auslösenden Faktors innerhalb weniger Tage bis Wochen vollständig zurück, da der Körper die zerstörten roten Blutkörperchen durch eine gesteigerte Neubildung im Knochenmark rasch ersetzt. Eine ausbleibende oder verzögerte Behandlung bei ausgeprägtem akutem Blutzerfall kann jedoch, insbesondere bei Neugeborenen sowie bei sehr starkem Blutverlust, zu ernsten Komplikationen führen, weshalb eine rechtzeitige Diagnosestellung sowie eine sorgfältige Aufklärung der Betroffenen über zu meidende Auslöser von großer Bedeutung sind.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Anämie durch Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel: Ursachen, Behandlung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Warum sind Männer häufiger betroffen als Frauen?
Weil das ursächliche Gen auf dem X-Chromosom liegt und Männer nur eine Genkopie besitzen, während bei Frauen eine zweite, gesunde Genkopie die Enzymfunktion teilweise kompensieren kann.
Was ist Favismus?
Ein akuter Blutzerfall, der bei entsprechend veranlagten Menschen durch den Verzehr von Favabohnen ausgelöst wird.
Warum sollte die Enzymaktivität nicht während eines akuten Schubs gemessen werden?
Weil sich während eines akuten Blutzerfalls bevorzugt jüngere, enzymreichere rote Blutkörperchen im Blut befinden, was das Messergebnis verfälschen kann.
Wie kann einem Krankheitsschub am besten vorgebeugt werden?
Durch die konsequente Vermeidung bekannter auslösender Faktoren wie bestimmter Medikamente und des Verzehrs von Favabohnen.
Weiterlesen
Plötzlicher Kindstod (SIDS)
Der unerwartete, im Schlaf eintretende Tod eines ansonsten gesund erscheinenden Säuglings ohne erkennbare Ursache, dessen Risiko durch bestimmte, gut belegte Vorsichtsmaßnahmen deutlich gesenkt werden kann.
Weiterlesen →SymptomeSprech- und Sprachstörungen
Verschiedene Beeinträchtigungen der Lautbildung oder des Sprachvermögens, die angeboren oder erworben sein können und von leichten Aussprachefehlern bis zu einem vollständigen Verlust der Sprachfähigkeit reichen.
Weiterlesen →SymptomeHautausschlag und sonstige unspezifische Hauteruptionen
Plötzlich auftretende, in Form und Ausdehnung sehr unterschiedliche Hautveränderungen, die als unspezifisches Symptom auf zahlreiche mögliche Ursachen hinweisen können und eine differenzierte Betrachtung erfordern.
Weiterlesen →Erste Hilfe lernen statt nur nachlesen
Im Kurs übst du die Handgriffe unter Anleitung — Theorie und Praxis zusammen.