Amaurosis fugax
Amaurosis fugax bezeichnet einen vorübergehenden, meist auf ein Auge beschränkten Verlust des Sehvermögens, der typischerweise innerhalb weniger Sekunden bis Minuten wieder vollständig abklingt. Betroffene beschreiben das Erlebnis oft wie einen Vorhang, der sich von oben oder unten über das Gesichtsfeld schiebt, oder wie ein plötzliches Grau- oder Schwarzwerden vor einem Auge. Ursache ist in der Regel eine kurzzeitige Minderdurchblutung der Netzhaut, meist ausgelöst durch ein kleines Blutgerinnsel oder einen abgelösten Plaquebestandteil, der über die Halsschlagader in die Augenarterie gelangt und dort ein Gefäß vorübergehend verschließt. Auch wenn sich das Sehvermögen rasch wieder normalisiert, handelt es sich um ein medizinisches Warnsignal von hoher Bedeutung, da es sich um eine Variante der transitorischen ischämischen Attacke handelt und das Risiko für einen nachfolgenden Schlaganfall in den Tagen und Wochen danach deutlich erhöht ist.
Ursachen
Die häufigste Ursache ist eine Embolie, bei der sich kleine Partikel aus einer arteriosklerotischen Ablagerung in der Halsschlagader lösen und über den Blutstrom in die Netzhautarterie gelangen, wo sie das Gefäß vorübergehend verstopfen. Seltener stammen die Embolien aus dem Herzen, etwa bei Vorhofflimmern oder nach einem Herzinfarkt, wenn sich dort Blutgerinnsel bilden, die sich lösen und über den Kreislauf ins Auge wandern können. Auch entzündliche Gefäßerkrankungen wie die Riesenzellarteriitis, bei der sich die Schläfenarterie und andere Kopfgefäße entzünden, können eine vorübergehende Minderdurchblutung der Netzhaut auslösen und sind besonders bei älteren Menschen als Ursache in Betracht zu ziehen. Weitere begünstigende Faktoren sind ein niedriger Blutdruck in Kombination mit einer bereits verengten Halsschlagader, eine erhöhte Blutgerinnungsneigung sowie starke Blutdruckschwankungen. Klassische Risikofaktoren für Gefäßerkrankungen wie Rauchen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck und erhöhte Blutfettwerte spielen bei nahezu allen Ursachen eine begünstigende Rolle.
Symptome
Das Leitsymptom ist ein plötzlicher, schmerzloser Sehverlust auf einem Auge, der oft als von oben herabsinkender oder von der Seite hereinkommender dunkler Vorhang beschrieben wird. Manche Betroffene berichten stattdessen von einem diffusen Grauschleier oder einem kompletten Schwarzwerden des betroffenen Gesichtsfeldes. Die Episode dauert meist nur wenige Sekunden bis maximal 10 bis 15 Minuten und bildet sich danach vollständig und folgenlos zurück. Begleitend können, insbesondere wenn eine ausgeprägtere Durchblutungsstörung im Gehirn zugrunde liegt, weitere neurologische Symptome wie eine Sprachstörung, eine halbseitige Schwäche eines Armes oder Beines oder ein Taubheitsgefühl auftreten, was auf ein umfassenderes ischämisches Geschehen hindeutet. Schmerzen sind für die klassische Amaurosis fugax untypisch; treten begleitend Kopf- oder Schläfenschmerzen sowie ein Spannungsgefühl der Kopfhaut auf, muss differenzialdiagnostisch an eine Riesenzellarteriitis gedacht werden.
Diagnostik
Da die Episode meist schon abgeklungen ist, wenn medizinische Hilfe eintrifft, stützt sich die Diagnose zunächst wesentlich auf die anamnestische Schilderung des Betroffenen. Eine augenärztliche Untersuchung des Augenhintergrundes kann gelegentlich noch sichtbare Embolie-Partikel in den Netzhautgefäßen zeigen, sofern die Untersuchung zeitnah erfolgt. Zentral ist die Suche nach der ursächlichen Emboliequelle: Eine Ultraschalluntersuchung der Halsschlagadern (Doppler- beziehungsweise Duplexsonographie) prüft auf Engstellen und Ablagerungen, während eine Echokardiographie des Herzens nach möglichen Gerinnselquellen sucht. Ein EKG beziehungsweise ein Langzeit-EKG dient dem Nachweis von Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern. Ergänzend werden häufig eine Bildgebung des Gehirns mittels Computertomographie oder Magnetresonanztomographie sowie Blutuntersuchungen, unter anderem zur Abklärung von Entzündungswerten und Gerinnungsstörungen, veranlasst, um das individuelle Schlaganfallrisiko einzuschätzen.
Behandlung
Da eine Amaurosis fugax als Warnzeichen für einen drohenden Schlaganfall gilt, ist eine rasche ärztliche Abklärung, im besten Fall in einer spezialisierten Notaufnahme oder Stroke-Unit, dringend angezeigt. Wird eine relevante Engstelle der Halsschlagader festgestellt, kann je nach Ausmaß eine medikamentöse Behandlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten oder, bei höhergradigen Verengungen, ein gefäßchirurgischer beziehungsweise interventioneller Eingriff zur Erweiterung des Gefäßes erwogen werden. Liegt die Ursache im Herzen, etwa bei Vorhofflimmern, wird häufig eine dauerhafte Blutverdünnung eingeleitet, um weitere Embolien zu verhindern. Bei Verdacht auf eine Riesenzellarteriitis ist eine sofortige Behandlung mit hochdosierten Kortikosteroiden erforderlich, um das Risiko einer bleibenden Erblindung zu senken. Begleitend werden grundsätzlich die vaskulären Risikofaktoren wie Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte und Diabetes konsequent behandelt.
Verlauf und Prognose
Die einzelne Episode einer Amaurosis fugax klingt definitionsgemäß folgenlos ab und hinterlässt keine bleibende Sehstörung. Die eigentliche Bedeutung liegt jedoch in ihrer Warnfunktion: Studien zeigen, dass das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall in den Tagen und Wochen nach einer solchen Episode deutlich erhöht ist, weshalb eine zügige Abklärung und Behandlung der zugrunde liegenden Ursache entscheidend ist, um diesem Risiko wirksam vorzubeugen. Wird die auslösende Ursache erkannt und konsequent behandelt, lässt sich das Risiko für einen nachfolgenden Schlaganfall deutlich senken. Bleibt die Ursache unbehandelt, kann sich aus wiederholten Episoden im ungünstigen Fall ein manifester Schlaganfall mit bleibenden neurologischen Ausfällen entwickeln, weshalb jede Episode als medizinischer Notfall ernst genommen werden sollte.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Amaurosis fugax: Ursachen, Behandlung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Ist Amaurosis fugax gefährlich, auch wenn das Sehen danach wieder normal ist?
Ja. Auch wenn sich das Sehvermögen vollständig erholt, gilt die Episode als Warnzeichen für eine Durchblutungsstörung, die das Risiko für einen Schlaganfall in den folgenden Tagen deutlich erhöht. Eine rasche ärztliche Abklärung ist deshalb wichtig, unabhängig davon, wie kurz die Episode war.
Wie lange dauert eine typische Episode?
Meist nur wenige Sekunden bis Minuten, selten länger als 10 bis 15 Minuten. Hält der Sehverlust deutlich länger an oder bildet er sich nicht zurück, handelt es sich um einen akuten Notfall, der sofortige ärztliche Hilfe erfordert.
Muss ich bei einer solchen Episode sofort einen Notruf absetzen?
Ja, ein plötzlicher, auch nur vorübergehender einseitiger Sehverlust sollte wie ein möglicher Schlaganfall behandelt und umgehend ärztlich abgeklärt werden, selbst wenn sich das Sehvermögen bereits wieder normalisiert hat.
Welche Untersuchungen folgen nach einer solchen Episode üblicherweise?
In der Regel eine Ultraschalluntersuchung der Halsschlagadern, eine Herzuntersuchung samt EKG, häufig eine Bildgebung des Gehirns sowie Blutuntersuchungen, um die Quelle der Durchblutungsstörung zu finden und das weitere Schlaganfallrisiko einzuschätzen.
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