Chronische motorische oder vokale Ticstörung
Die chronische motorische oder vokale Ticstörung ist eine Unterform der Ticstörungen, bei der über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr entweder motorische Tics, also plötzliche, wiederholte, unwillkürliche Bewegungen, oder vokale Tics, also unwillkürliche Laute oder Lautäußerungen, bestehen, jedoch nicht beide Formen gemeinsam auftreten. Diese Einschränkung auf eine der beiden Tic-Arten unterscheidet die chronische motorische oder vokale Ticstörung vom Tourette-Syndrom, bei dem definitionsgemäß sowohl motorische als auch vokale Tics kombiniert vorliegen. Die Tics können in ihrer Ausprägung, Häufigkeit und Lokalisation im Zeitverlauf wechseln, wobei sie charakteristischerweise durch Anspannung oder Stress verstärkt und durch Ablenkung oder Konzentration auf eine Tätigkeit häufig abgeschwächt werden.
Ursachen
Die Ursachen der chronischen motorischen oder vokalen Ticstörung werden, ähnlich wie beim Tourette-Syndrom, als Zusammenspiel genetischer und neurobiologischer Faktoren verstanden. Eine familiäre Häufung von Ticstörungen weist auf eine bedeutsame erbliche Komponente hin. Neurobiologisch werden Besonderheiten in bestimmten Hirnregionen und -netzwerken vermutet, die an der Steuerung und Hemmung von Bewegungen und Lautäußerungen beteiligt sind. Stress, Anspannung, Müdigkeit sowie starke emotionale Erregung können die Häufigkeit und Intensität der Tics verstärken, gelten jedoch nicht als eigentliche Ursache der Störung, sondern lediglich als verstärkende Faktoren. Die genauen Gründe, warum bei manchen Betroffenen nur motorische oder nur vokale Tics auftreten, während bei anderen beide Formen gemeinsam bestehen, sind noch nicht abschließend geklärt.
Symptome
Bei der chronischen motorischen Form zeigen sich wiederholte, unwillkürliche Bewegungen wie Blinzeln, Grimassieren, Kopf- oder Schulterzucken, die plötzlich und ohne erkennbaren äußeren Anlass auftreten. Bei der chronischen vokalen Form treten unwillkürliche Laute wie Räuspern, Schniefen oder kurze Lautäußerungen auf. Charakteristisch für beide Formen ist, dass die Tics kurzzeitig willentlich unterdrückt werden können, was jedoch mit zunehmender innerer Anspannung verbunden ist, die sich häufig in einem verstärkten Auftreten der Tics nach der Unterdrückungsphase entlädt. Viele Betroffene berichten von einem als drängend erlebten Vorgefühl vor dem Auftreten eines Tics, das sich nach dessen Ausführung vorübergehend löst. Die Tics können sich im Zeitverlauf in Art, Häufigkeit und Lokalisation verändern.
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt durch eine ausführliche klinische Untersuchung, in der Art, Häufigkeit, Dauer und Verlauf der Tics sorgfältig erfasst werden. Entscheidend für die Diagnose einer chronischen motorischen oder vokalen Ticstörung ist, dass die Tics über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr bestehen und sich entweder auf motorische oder auf vokale Tics beschränken, ohne dass beide Formen gemeinsam auftreten, was die Abgrenzung zum Tourette-Syndrom ermöglicht. Auch der Ausschluss anderer möglicher Ursachen für die Bewegungs- oder Lautäußerungen sowie die Erfassung möglicher Begleiterkrankungen, etwa Aufmerksamkeitsstörungen oder Zwangssymptome, die bei Ticstörungen gehäuft auftreten können, sind Bestandteil einer umfassenden diagnostischen Abklärung.
Behandlung
Die Behandlung der chronischen motorischen oder vokalen Ticstörung richtet sich nach dem Ausmaß der Beeinträchtigung im Alltag. Bei leichter Ausprägung ohne wesentlichen Leidensdruck ist häufig keine spezifische Behandlung notwendig, eine Aufklärung von Kind, Familie und schulischem Umfeld über das Störungsbild kann jedoch entlastend wirken. Bei stärker ausgeprägten oder belastenden Tics haben sich spezialisierte verhaltenstherapeutische Verfahren bewährt, die das Erkennen des Vorgefühls sowie den Einsatz alternativer, weniger auffälliger Bewegungen als Reaktion auf dieses Vorgefühl trainieren. In ausgeprägteren Fällen kann ergänzend eine medikamentöse Behandlung erwogen werden. Die Behandlung begleitender Erkrankungen, etwa Aufmerksamkeitsstörungen, sollte in die Gesamtbehandlung einbezogen werden.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf der chronischen motorischen oder vokalen Ticstörung ist individuell unterschiedlich, wobei die Symptomatik bei vielen Betroffenen im Jugendalter ihren Höhepunkt erreicht und sich im Erwachsenenalter häufig deutlich abschwächt oder ganz zurückbildet. Bei einem Teil der Betroffenen bleiben Tics in geringerer Ausprägung auch im Erwachsenenalter bestehen. Die Symptomatik kann im Zeitverlauf in ihrer Ausprägung schwanken, mit Phasen stärkerer und schwächerer Tics. Mit angemessener Aufklärung, gegebenenfalls verhaltenstherapeutischer Unterstützung sowie einem verständnisvollen Umfeld ist die langfristige Prognose insgesamt günstig, und die meisten Betroffenen können trotz der Symptomatik ein weitgehend normales Leben führen.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Ticstörungen und Tourette-Syndrom bei Kindern
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Worin unterscheidet sich diese Störung vom Tourette-Syndrom?
Bei der chronischen motorischen oder vokalen Ticstörung tritt entweder nur eine motorische oder nur eine vokale Tic-Form auf, während beim Tourette-Syndrom definitionsgemäß beide Formen gemeinsam bestehen.
Können Tics willentlich unterdrückt werden?
Tics können kurzzeitig willentlich unterdrückt werden, dies ist jedoch mit zunehmender innerer Anspannung verbunden, die sich häufig in verstärktem Auftreten nach der Unterdrückungsphase entlädt.
Muss jede Ticstörung behandelt werden?
Nein, bei leichter Ausprägung ohne wesentlichen Leidensdruck ist häufig keine spezifische Behandlung notwendig, eine Aufklärung des Umfelds kann jedoch bereits entlastend wirken.
Bessern sich Tics im Erwachsenenalter?
Bei vielen Betroffenen schwächt sich die Symptomatik im Erwachsenenalter deutlich ab oder bildet sich ganz zurück, auch wenn bei einem Teil der Betroffenen Tics in geringerer Ausprägung bestehen bleiben.
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