Somatoforme Störungen
Somatoforme Störungen bezeichnen ein Krankheitsbild, bei dem Betroffene über wiederholte, oft wechselnde körperliche Beschwerden klagen, für die trotz gründlicher medizinischer Untersuchung keine ausreichende organische Ursache gefunden werden kann, die das Ausmaß der Beschwerden erklären würde. Die Beschwerden sind dabei nicht eingebildet oder vorgetäuscht, sondern werden von den Betroffenen tatsächlich und oft sehr belastend erlebt; sie entstehen jedoch nicht primär durch eine körperliche Erkrankung, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel aus psychischer Belastung, veränderter Körperwahrnehmung und gestörter Verarbeitung von Körpersignalen im Gehirn. Häufig betroffen sind Bereiche wie der Magen-Darm-Trakt, das Herz-Kreislauf-System, die Haut oder der Bewegungsapparat. Da wiederholte medizinische Untersuchungen und Arztbesuche typisch für den Verlauf sind, führt die Erkrankung häufig zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität sowie zu einer starken Beanspruchung des Gesundheitssystems.
Ursachen
Die Entstehung somatoformer Störungen wird als Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels mehrerer Faktoren verstanden. Eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber normalen Körpervorgängen sowie eine Neigung, harmlose körperliche Empfindungen als bedrohlich zu interpretieren, spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Beschwerden. Psychosoziale Belastungsfaktoren wie chronischer Stress, ungelöste Konflikte, traumatische Erfahrungen oder eine belastende familiäre und berufliche Situation begünstigen die Entstehung ebenso wie eine erlernte Neigung, seelische Belastung eher körperlich als emotional wahrzunehmen und auszudrücken. Auch eine familiäre Häufung wird beobachtet, was sowohl auf genetische Faktoren als auch auf erlernte Verhaltensmuster im Umgang mit körperlichen Beschwerden hindeuten kann. Frühere eigene Krankheitserfahrungen oder schwere Erkrankungen in der Familie können die Wahrnehmung und Bewertung körperlicher Symptome zusätzlich prägen.
Symptome
Die körperlichen Beschwerden bei somatoformen Störungen sind sehr vielfältig und können praktisch jedes Organsystem betreffen. Häufig berichten Betroffene über Schmerzen in unterschiedlichen Körperregionen, Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Blähungen oder Bauchschmerzen, Herz-Kreislauf-Symptome wie Herzstolpern oder Schwindel sowie eine ausgeprägte allgemeine Erschöpfung. Die Beschwerden können über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben oder ihre Lokalisation im Laufe der Zeit wechseln. Viele Betroffene sind stark auf ihre körperlichen Beschwerden fokussiert, suchen wiederholt ärztliche Hilfe auf und lassen sich durch unauffällige Untersuchungsergebnisse häufig nur vorübergehend beruhigen. Begleitend bestehen häufig Ängste vor einer schweren, bislang unentdeckten Erkrankung sowie eine ausgeprägte Verunsicherung im Umgang mit dem eigenen Körper, was den Leidensdruck zusätzlich verstärken kann.
Diagnostik
Die Diagnose einer somatoformen Störung wird nicht allein durch den Ausschluss einer organischen Erkrankung gestellt, sondern erfordert eine sorgfältige, positive Diagnosestellung anhand des charakteristischen Beschwerdebildes, des Verlaufs sowie einer ausführlichen Erhebung der psychosozialen Situation. Zunächst erfolgt in der Regel eine angemessene körperliche Abklärung, um relevante organische Ursachen auszuschließen, wobei jedoch übermäßig ausgedehnte oder wiederholte Untersuchungen möglichst vermieden werden sollten, da sie die Fixierung auf körperliche Ursachen eher verstärken können. Eine ausführliche Anamnese erfasst neben den körperlichen Beschwerden auch belastende Lebensereignisse, den Umgang mit früheren Erkrankungen sowie mögliche begleitende psychische Beschwerden wie Angst oder depressive Symptome, die bei somatoformen Störungen häufig gleichzeitig vorliegen. Eine gute, vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung ist für eine gelingende Diagnostik von zentraler Bedeutung.
Behandlung
Grundlage der Behandlung ist eine wertschätzende, die Beschwerden ernst nehmende Arzt-Patienten-Beziehung, in der die Betroffenen behutsam an ein erweitertes Krankheitsverständnis herangeführt werden, das psychische und körperliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigt. Psychotherapeutische Verfahren, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, gelten als wirksamste Behandlungsform und helfen Betroffenen, den Zusammenhang zwischen Belastung, Körperwahrnehmung und Beschwerden besser zu verstehen und angemessenere Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Entspannungsverfahren, körperorientierte Therapieansätze sowie regelmäßige körperliche Aktivität können die Behandlung sinnvoll ergänzen. Medikamentöse Behandlungen, etwa mit bestimmten Antidepressiva, können bei ausgeprägten Beschwerden oder begleitenden depressiven oder Angstsymptomen unterstützend eingesetzt werden, ersetzen jedoch nicht die psychotherapeutische Behandlung. Ein zu häufiger Wechsel der behandelnden Ärztinnen und Ärzte sowie unnötige wiederholte Diagnostik sollten möglichst vermieden werden.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf somatoformer Störungen ist sehr unterschiedlich: Bei einem Teil der Betroffenen bessern sich die Beschwerden innerhalb einiger Monate deutlich, insbesondere wenn eine frühzeitige, angemessene Behandlung eingeleitet wird und belastende Lebensumstände sich verändern. Bei anderen Betroffenen nimmt die Erkrankung einen chronischen, über Jahre anhaltenden Verlauf mit wechselnder Beschwerdeintensität. Ein frühzeitiges Erkennen der Erkrankung, eine gute therapeutische Beziehung sowie eine konsequente psychotherapeutische Behandlung wirken sich in der Regel günstig auf den langfristigen Verlauf aus. Unbehandelt können somatoforme Störungen zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität, sozialen Rückzugstendenzen sowie zu wiederholten, oft unnötigen medizinischen Untersuchungen und Behandlungsversuchen führen, die den Leidensdruck der Betroffenen zusätzlich verstärken können.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Somatoforme Störungen: Ursachen, Behandlung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Bedeutet eine somatoforme Störung, dass die Beschwerden eingebildet sind?
Nein, die körperlichen Beschwerden werden von den Betroffenen tatsächlich und oft sehr belastend erlebt. Sie entstehen jedoch nicht primär durch eine organische Erkrankung, sondern durch ein komplexes Zusammenspiel psychischer und körperlicher Faktoren.
Warum werden bei somatoformen Störungen nicht immer weitere Untersuchungen durchgeführt?
Weil übermäßig ausgedehnte oder wiederholte körperliche Untersuchungen die Fixierung auf eine körperliche Ursache eher verstärken können, ohne den Betroffenen tatsächlich zu helfen. Eine angemessene, aber begrenzte Abklärung ist meist sinnvoller.
Welche Behandlung ist bei somatoformen Störungen am wirksamsten?
Psychotherapeutische Verfahren, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, gelten als wirksamste Behandlungsform und helfen, den Zusammenhang zwischen Belastung und körperlichen Beschwerden besser zu verstehen.
Können somatoforme Störungen von selbst wieder verschwinden?
Bei einem Teil der Betroffenen bessern sich die Beschwerden innerhalb einiger Monate, insbesondere wenn belastende Lebensumstände sich verändern; bei anderen nimmt die Erkrankung einen chronischeren Verlauf, der eine gezielte Behandlung erfordert.
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