Ein Angebot von Personal Paramedic e.K. · DGUV-anerkannte Ausbildungsstätte (8.2018)
Innere Medizin

Progressive multifokale Leukenzephalopathie

Die progressive multifokale Leukenzephalopathie ist eine seltene, aber schwerwiegende Erkrankung des Gehirns, die durch die Reaktivierung des JC-Virus verursacht wird, eines weit verbreiteten Virus, mit dem sich die überwiegende Mehrheit der Menschen bereits im Kindes- oder Jugendalter symptomlos infiziert und das anschließend in ruhendem Zustand im Körper verbleibt. Bei Menschen mit intaktem Immunsystem verursacht dieses Virus keinerlei Beschwerden, bei einer erheblichen Schwächung der körpereigenen Immunabwehr kann es sich jedoch reaktivieren und gezielt die für die Bildung der schützenden Markscheiden der Nervenfasern zuständigen Zellen des Gehirns befallen und zerstören. Die Erkrankung tritt daher praktisch ausschließlich bei Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem auf, insbesondere im fortgeschrittenen Stadium einer HIV-Infektion sowie bei bestimmten immununterdrückenden Behandlungen.

Ursachen

Die progressive multifokale Leukenzephalopathie entsteht durch die Reaktivierung des JC-Virus bei Menschen mit erheblich geschwächter Immunabwehr, wobei das Virus, mit dem sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung bereits im Laufe des Lebens symptomlos infiziert hat, aus seinem ruhenden Zustand im Körper wieder aktiv wird und in das Gehirn gelangt. Der bedeutsamste Risikofaktor ist eine fortgeschrittene, unbehandelte HIV-Infektion mit stark verminderter Anzahl bestimmter Immunzellen. Auch bestimmte moderne immununterdrückende Medikamente, die insbesondere zur Behandlung von Multipler Sklerose, entzündlichen Darmerkrankungen oder bestimmten bösartigen Erkrankungen des Blut- und Lymphsystems eingesetzt werden, können das Risiko für eine Reaktivierung des Virus erhöhen. Das reaktivierte Virus befällt gezielt die sogenannten Oligodendrozyten, spezialisierte Zellen des Gehirns, die für die Bildung der schützenden Markscheiden um die Nervenfasern zuständig sind, und zerstört diese.

Symptome

Die progressive multifokale Leukenzephalopathie äußert sich durch vielfältige, sich meist über Wochen entwickelnde neurologische Beschwerden, die von der genauen Lokalisation der Gehirnschädigung abhängen. Häufig treten fortschreitende Lähmungserscheinungen einer Körperseite, Sehstörungen durch Beteiligung der Sehbahn sowie Sprach- und Sprechstörungen auf. Zunehmende Koordinationsstörungen mit unsicherem Gang sowie kognitive Beeinträchtigungen mit Konzentrations- und Gedächtnisstörungen können sich ebenfalls entwickeln. Da die Erkrankung mehrere, oft weit auseinanderliegende Areale des Gehirns gleichzeitig befällt, können die neurologischen Ausfallerscheinungen sehr vielfältig und uncharakteristisch sein, was die frühzeitige Zuordnung der Beschwerden zur zugrunde liegenden Erkrankung erschweren kann. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer fortschreitenden Verschlechterung mit zunehmender Bewegungs- und Sprachunfähigkeit.

Diagnostik

Die Diagnose der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie wird durch eine Magnetresonanztomographie des Gehirns nahegelegt, in der sich charakteristische, meist mehrere Herde zeigende Veränderungen der weißen Substanz des Gehirns darstellen, die den durch die Erkrankung geschädigten Bereichen mit zerstörten Markscheiden entsprechen. Zur endgültigen Diagnosesicherung wird eine Untersuchung des Nervenwassers mittels Lumbalpunktion durchgeführt, bei der das Erbgut des JC-Virus mittels molekularbiologischer Verfahren nachgewiesen wird. Bei unklarem Befund kann in ausgewählten Fällen eine Gehirnbiopsie zur endgültigen Diagnosesicherung notwendig werden. Eine gründliche Untersuchung der zugrunde liegenden Immunschwäche, insbesondere ein Test auf eine mögliche HIV-Infektion sowie eine Überprüfung bestehender immununterdrückender Medikamente, ist wesentlicher Bestandteil der diagnostischen Abklärung.

Behandlung

Eine spezifische, ursächlich gegen das JC-Virus gerichtete antivirale Behandlung steht bislang nicht zur Verfügung, weshalb die wichtigste therapeutische Maßnahme in der raschestmöglichen Wiederherstellung einer funktionierenden Immunabwehr besteht. Bei Menschen mit einer zugrunde liegenden HIV-Infektion wird umgehend eine wirksame antiretrovirale Behandlung eingeleitet oder intensiviert, um die Immunfunktion zu verbessern. Bei Betroffenen, deren Erkrankung durch ein immununterdrückendes Medikament ausgelöst wurde, wird dieses, sofern medizinisch vertretbar, umgehend abgesetzt, um dem Immunsystem die Möglichkeit zu geben, das reaktivierte Virus wieder unter Kontrolle zu bringen. Diese rasche Wiederherstellung der Immunfunktion kann jedoch paradoxerweise auch zu einer überschießenden Entzündungsreaktion im Gehirn führen, die eine zusätzliche, gezielte Behandlung erfordern kann und sorgfältig überwacht werden muss.

Verlauf und Prognose

Die Prognose der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie ist ernst, wobei der Verlauf entscheidend davon abhängt, wie rasch und wie erfolgreich sich die zugrunde liegende Immunschwäche beheben lässt. Bei Menschen mit HIV-Infektion, bei denen durch eine wirksame antiretrovirale Behandlung eine deutliche Verbesserung der Immunfunktion erreicht werden kann, überlebt ein erheblicher Teil der Betroffenen die Erkrankung, wenngleich häufig bleibende neurologische Beeinträchtigungen zurückbleiben. Ohne eine ausreichende Erholung des Immunsystems verläuft die Erkrankung hingegen häufig innerhalb weniger Monate tödlich. Eine regelmäßige neurologische Nachsorge sowie eine rehabilitative Betreuung sind für Überlebende der Erkrankung von großer Bedeutung, um die verbliebenen Fähigkeiten bestmöglich zu erhalten und zu fördern.

Quellen & weiterführende Stellen

Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.

FAQ

Häufige Fragen

Was ist das JC-Virus?

Ein weit verbreitetes Virus, mit dem sich die überwiegende Mehrheit der Menschen bereits im Kindes- oder Jugendalter symptomlos infiziert und das anschließend ruhend im Körper verbleibt.

Wer hat ein erhöhtes Risiko für die Erkrankung?

Vor allem Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem, insbesondere bei fortgeschrittener HIV-Infektion oder unter bestimmten immununterdrückenden Medikamenten.

Was ist die wichtigste Behandlungsmaßnahme?

Die raschestmögliche Wiederherstellung einer funktionierenden Immunabwehr, da keine spezifische antivirale Behandlung gegen das JC-Virus zur Verfügung steht.

Kann die Wiederherstellung der Immunfunktion selbst Probleme verursachen?

Ja, sie kann paradoxerweise zu einer überschießenden Entzündungsreaktion im Gehirn führen, die eine zusätzliche, gezielte Behandlung erfordert.

Erste Hilfe lernen statt nur nachlesen

Im Kurs übst du die Handgriffe unter Anleitung — Theorie und Praxis zusammen.

Kurs finden Inhouse anfragen