Mendelson-Syndrom
Das Mendelson-Syndrom bezeichnet eine akute, chemisch bedingte Entzündung des Lungengewebes, die durch das Einatmen von saurem Mageninhalt in die unteren Atemwege entsteht und ursprünglich bei Frauen während der Geburt unter Vollnarkose beschrieben wurde. Der stark saure Magensaft wirkt beim Eindringen in die Lunge unmittelbar gewebeschädigend und löst innerhalb kurzer Zeit eine ausgeprägte Entzündungsreaktion aus, die sich deutlich von einer klassischen, bakteriell bedingten Lungenentzündung unterscheidet. Das Syndrom kann grundsätzlich immer dann auftreten, wenn die normalerweise schützenden Reflexe, die ein Verschlucken von Mageninhalt in die Atemwege verhindern, durch eine Narkose, eine Bewusstseinsstörung oder eine neurologische Erkrankung beeinträchtigt sind, weshalb es in der modernen Anästhesie besondere vorbeugende Beachtung findet.
Ursachen
Das Mendelson-Syndrom entsteht durch das Eindringen von saurem Mageninhalt in die unteren Atemwege, was normalerweise durch verschiedene Schutzreflexe, insbesondere den Verschluss des Kehlkopfes beim Schlucken sowie den Hustenreflex, verhindert wird. Diese Schutzmechanismen sind während einer Vollnarkose deutlich abgeschwächt oder vollständig aufgehoben, weshalb das Risiko eines Verschluckens von Mageninhalt während der Einleitung oder Aufwachphase einer Operation besonders hoch ist, insbesondere wenn der Magen zum Zeitpunkt der Narkose nicht ausreichend leer ist. Auch bei Menschen mit eingeschränktem Bewusstsein, etwa nach einer Kopfverletzung, im Rahmen eines schweren Alkoholrausches oder bei bestimmten neurologischen Erkrankungen mit gestörtem Schluckvorgang, besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für das Verschlucken von Mageninhalt und die Entwicklung des Syndroms.
Symptome
Das Mendelson-Syndrom äußert sich durch das akute Auftreten von Atemnot, einem beschleunigten Atem- und Herzschlag sowie einem hörbaren, pfeifenden Atemgeräusch, meist innerhalb weniger Minuten bis Stunden nach dem Verschlucken des Mageninhalts. Ein charakteristisches Zeichen kann ein plötzlicher Hustenanfall im Moment des Verschluckens sein, gefolgt von einer raschen Verschlechterung der Atmung. Die Haut und Schleimhäute können sich aufgrund des durch die Lungenschädigung bedingten Sauerstoffmangels bläulich verfärben. Bei ausgeprägtem Befall größerer Lungenanteile entwickelt sich rasch ein schweres Krankheitsbild mit deutlich erhöhtem Sauerstoffbedarf, das in schweren Fällen bis zu einem lebensbedrohlichen akuten Lungenversagen fortschreiten kann.
Diagnostik
Die Diagnose des Mendelson-Syndroms wird in erster Linie klinisch anhand des beobachteten oder anzunehmenden Verschluckens von Mageninhalt in Verbindung mit dem raschen Auftreten der charakteristischen Atembeschwerden gestellt. Eine Röntgenaufnahme oder Computertomographie des Brustkorbs zeigt typische, meist in den abhängigen Lungenpartien lokalisierte Verschattungen, die dem Verteilungsmuster des eingeatmeten Mageninhalts entsprechen. Eine Bronchoskopie kann zur direkten Beurteilung des Ausmaßes der Schädigung sowie zur Absaugung von noch vorhandenem Mageninhalt aus den Atemwegen eingesetzt werden. Die Messung der Sauerstoffsättigung des Blutes sowie eine Blutgasanalyse dienen der Einschätzung des Schweregrads der bereits eingetretenen Lungenfunktionseinschränkung.
Behandlung
Die Behandlung des Mendelson-Syndroms erfolgt zunächst durch die rasche Sicherung der Atemwege sowie, sofern noch vorhanden, die Absaugung von Mageninhalt aus den oberen Atemwegen. Eine unterstützende Sauerstoffgabe, bei ausgeprägtem Verlauf auch eine maschinelle Beatmung, ist notwendig, um die durch die Lungenschädigung bedingte Sauerstoffunterversorgung auszugleichen. Eine routinemäßige, vorbeugende antibiotische Behandlung wird nicht generell empfohlen, da das Mendelson-Syndrom primär eine chemisch, nicht bakteriell bedingte Entzündung darstellt, eine antibiotische Behandlung wird jedoch bei Anzeichen einer sich zusätzlich entwickelnden bakteriellen Infektion eingeleitet. Bei besonders schwerem Verlauf mit ausgeprägter Sauerstoffunterversorgung kann eine intensivmedizinische Behandlung mit entsprechender Kreislauf- und Beatmungsunterstützung notwendig werden.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf des Mendelson-Syndroms hängt wesentlich vom Ausmaß der eingeatmeten Mageninhaltmenge sowie von der Schwere der dadurch verursachten Lungenschädigung ab. Bei geringerem Ausmaß kann sich die Lunge innerhalb weniger Tage weitgehend erholen, während bei ausgedehnterem Befall ein schweres, lebensbedrohliches akutes Lungenversagen entstehen kann, das eine intensivmedizinische Behandlung über einen längeren Zeitraum erfordert. Aufgrund des bekannten Risikos wird in der modernen Anästhesie besonderer Wert auf vorbeugende Maßnahmen gelegt, etwa das Einhalten ausreichender Nüchternheitszeiten vor geplanten Operationen sowie besondere Vorsichtsmaßnahmen bei Notfalleingriffen mit vollem Magen. Bei Menschen mit erhöhtem Risiko aufgrund einer Bewusstseinsstörung oder Schluckstörung sind entsprechende Schutzmaßnahmen zur Vermeidung eines Verschluckens von Mageninhalt von großer Bedeutung.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Mendelson-Syndrom: Ursachen, Behandlung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Wann tritt das Mendelson-Syndrom am häufigsten auf?
Am häufigsten im Rahmen einer Vollnarkose, wenn die schützenden Schluck- und Hustenreflexe abgeschwächt oder aufgehoben sind, insbesondere bei nicht ausreichend nüchternem Magen.
Warum wird nicht immer vorbeugend ein Antibiotikum gegeben?
Weil es sich primär um eine chemisch, nicht bakteriell bedingte Entzündung handelt. Ein Antibiotikum wird erst bei Anzeichen einer zusätzlichen bakteriellen Infektion eingesetzt.
Wie wird dem Mendelson-Syndrom in der modernen Anästhesie vorgebeugt?
Durch das Einhalten ausreichender Nüchternheitszeiten vor geplanten Operationen sowie besondere Vorsichtsmaßnahmen bei Notfalleingriffen mit vollem Magen.
Kann das Mendelson-Syndrom lebensbedrohlich verlaufen?
Ja, bei ausgedehntem Befall kann es zu einem schweren, lebensbedrohlichen akuten Lungenversagen kommen, das eine intensivmedizinische Behandlung erfordert.
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