Hypertrichose
Als Hypertrichose wird ein übermäßiges Haarwachstum bezeichnet, das über das für Alter, Geschlecht und ethnische Herkunft übliche Maß hinausgeht und dabei, im Unterschied zum verwandten Hirsutismus, nicht zwingend an ein bestimmtes, männlich geprägtes Verteilungsmuster gebunden ist und beide Geschlechter betreffen kann. Die verstärkte Behaarung kann sich auf umschriebene Körperbereiche beschränken oder den gesamten Körper betreffen, und sie kann bereits von Geburt an bestehen oder sich erst im Laufe des Lebens entwickeln. Während manche Formen der Hypertrichose harmlose Normvarianten darstellen oder durch äußere Einflüsse wie bestimmte Medikamente ausgelöst werden, kann eine plötzlich auftretende, ausgeprägte Hypertrichose im Erwachsenenalter in seltenen Fällen auch auf eine zugrunde liegende internistische Erkrankung oder Tumorerkrankung hinweisen, weshalb eine ärztliche Abklärung bei neu aufgetretenem, unerklärtem verstärktem Haarwuchs sinnvoll ist.
Ursachen
Hypertrichose kann angeboren oder erworben sein. Angeborene Formen sind meist genetisch bedingt und können isoliert auftreten oder Teil eines selteneren genetischen Syndroms sein. Erworbene Formen haben ein breites Ursachenspektrum: Am häufigsten sind bestimmte Medikamente verantwortlich, etwa manche blutdrucksenkende Wirkstoffe, Immunsuppressiva oder bestimmte in der Krebstherapie eingesetzte Substanzen, die als Nebenwirkung ein verstärktes Haarwachstum auslösen können. Auch Stoffwechsel- und Ernährungsstörungen, etwa eine ausgeprägte Mangelernährung oder bestimmte Essstörungen, können mit einem vermehrten, meist feinen Haarwuchs am gesamten Körper einhergehen, der als eine Art Schutzreaktion des Körpers gedeutet wird. Seltener liegt einer neu aufgetretenen, ausgeprägten Hypertrichose eine paraneoplastische Reaktion im Rahmen einer Tumorerkrankung zugrunde, weshalb bei plötzlichem Beginn im höheren Lebensalter eine gründliche ärztliche Abklärung empfohlen wird. Örtlich begrenzte Formen können zudem nach wiederholter mechanischer Reizung einer Hautstelle, etwa durch einen langfristig angelegten Gipsverband, auftreten.
Symptome
Das Erscheinungsbild variiert je nach zugrunde liegender Form erheblich: Manche Betroffene zeigen eine gleichmäßig über den gesamten Körper verteilte, meist feine Vermehrung der Behaarung, während bei anderen umschriebene Körperbereiche wie ein bestimmter Hautabschnitt oder eine frühere Verletzungsstelle betroffen sind. Angeborene Formen können bereits bei der Geburt in Form einer auffällig starken Behaarung sichtbar sein und betreffen mitunter das gesamte Gesicht und den Körper. Bei medikamentös bedingter Hypertrichose entwickelt sich das verstärkte Haarwachstum meist schrittweise nach Beginn der auslösenden Medikation und kann sowohl im Gesicht als auch am Rumpf und den Extremitäten auftreten. Über die kosmetisch sichtbare Veränderung hinaus verursacht die Hypertrichose selbst in der Regel keine körperlichen Beschwerden, kann jedoch für Betroffene mit erheblichem psychischem Leidensdruck verbunden sein, insbesondere wenn Gesicht oder andere gut sichtbare Körperstellen betroffen sind.
Diagnostik
Die Diagnostik beginnt mit einer ausführlichen Anamnese, die den Zeitpunkt des Beginns, die betroffenen Körperregionen, die Familiengeschichte sowie sämtliche eingenommenen Medikamente erfasst, da diese Angaben wichtige Hinweise auf die zugrunde liegende Ursache liefern können. Bei Verdacht auf eine medikamentöse Ursache wird geprüft, ob ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Beginn der Medikation und dem verstärkten Haarwuchs besteht. Bei neu aufgetretener, ausgeprägter Hypertrichose ohne erkennbare äußere Ursache, insbesondere im höheren Lebensalter, werden zum Ausschluss einer zugrunde liegenden internistischen Erkrankung oder Tumorerkrankung meist Blutuntersuchungen und, je nach klinischem Verdacht, weiterführende bildgebende Untersuchungen veranlasst. Bei kongenitalen, das heißt angeborenen, Formen kann eine genetische Beratung und gegebenenfalls eine molekulargenetische Untersuchung sinnvoll sein, um die zugrunde liegende Ursache und ein mögliches Vererbungsmuster zu klären.
Behandlung
Sofern eine behandelbare Ursache identifiziert wird, etwa ein auslösendes Medikament, steht dessen Absetzen beziehungsweise der Wechsel auf einen alternativen Wirkstoff, in Absprache mit der verordnenden Ärztin oder dem verordnenden Arzt, im Vordergrund, woraufhin sich die verstärkte Behaarung häufig langsam wieder zurückbildet. Liegt eine zugrunde liegende internistische Erkrankung vor, richtet sich die Behandlung nach dieser Grunderkrankung. Bei angeborenen oder aus anderen Gründen nicht ursächlich behandelbaren Formen stehen kosmetische Verfahren zur Haarentfernung im Vordergrund, etwa Rasur, Wachsen, Epilation oder dauerhaftere Verfahren wie die Laser- oder Photoepilation, die je nach Haar- und Hauttyp unterschiedlich wirksam sind. Eine begleitende psychologische Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn die sichtbaren Veränderungen mit erheblichem Leidensdruck einhergehen.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf hängt stark von der zugrunde liegenden Ursache ab: Medikamentös bedingte Hypertrichose bildet sich nach Absetzen des auslösenden Wirkstoffs häufig innerhalb einiger Monate weitgehend zurück, während angeborene Formen meist lebenslang bestehen bleiben und in erster Linie kosmetisch behandelt werden. Bei ernährungsbedingten Formen bessert sich das Beschwerdebild in der Regel mit der Normalisierung des Ernährungszustandes. Eine paraneoplastisch bedingte Hypertrichose im Rahmen einer Tumorerkrankung erfordert eine Behandlung der zugrunde liegenden Krebserkrankung, wobei sich die Hypertrichose bei erfolgreicher Tumorbehandlung häufig zurückbildet. Insgesamt ist die Hypertrichose selbst keine körperlich gefährliche Erkrankung, ihre Bedeutung liegt vor allem in ihrer möglichen Rolle als Hinweis auf eine zugrunde liegende, behandlungsbedürftige Ursache sowie in der psychischen Belastung für Betroffene.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Hypertrichose: Ursachen, Behandlung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Hypertrichose und Hirsutismus?
Hirsutismus bezeichnet ein vermehrtes, männlich geprägtes Haarwachstum bei Frauen an typischen Stellen wie Oberlippe, Kinn oder Brust, meist hormonell bedingt. Hypertrichose ist ein allgemeiner Begriff für übermäßiges Haarwachstum, das nicht an dieses Verteilungsmuster gebunden ist und beide Geschlechter betreffen kann.
Kann ein Medikament einen verstärkten Haarwuchs auslösen?
Ja, verschiedene Medikamente, darunter manche blutdrucksenkende Mittel und Immunsuppressiva, können als Nebenwirkung eine Hypertrichose verursachen, die sich nach Absetzen des Medikaments meist wieder zurückbildet.
Wann sollte ein plötzlich verstärkter Haarwuchs ärztlich abgeklärt werden?
Insbesondere wenn er neu auftritt, sich rasch verstärkt und keine erkennbare äußere Ursache wie ein neu begonnenes Medikament vorliegt, da dies in seltenen Fällen auf eine zugrunde liegende internistische Erkrankung hinweisen kann.
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei angeborener Hypertrichose?
Da eine ursächliche Behandlung bei angeborenen Formen meist nicht möglich ist, stehen kosmetische Verfahren zur Haarentfernung wie Rasur, Epilation oder Laserbehandlung im Vordergrund.
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