Schulterdystokie
Die Schulterdystokie bezeichnet einen geburtshilflichen Notfall, bei dem nach der regelrechten Geburt des kindlichen Köpfchens die vordere Schulter des Kindes hinter dem mütterlichen Schambein hängen bleibt und sich der übrige Körper des Kindes trotz der üblichen, sanften Zugbewegung sowie des mütterlichen Mitpressens nicht weiter entwickelt. Dieses Ereignis tritt meist unerwartet und plötzlich während der letzten Phase einer ansonsten normal verlaufenden vaginalen Geburt auf und erfordert ein rasches, strukturiertes sowie geschultes Vorgehen des geburtshilflichen Teams, da mit jeder verstreichenden Minute das Risiko einer Sauerstoffunterversorgung des Kindes zunimmt, während die Nabelschnur zwischen dem kindlichen Körper und dem mütterlichen Becken komprimiert wird.
Ursachen
Die Schulterdystokie entsteht dadurch, dass die vordere Schulter des Kindes nach der Geburt des Kopfes nicht die normale, leicht schräge Position im Becken einnimmt, sondern gerade hinter dem Schambein der Mutter stecken bleibt, wodurch der natürliche Geburtsmechanismus unterbrochen wird. Ein überdurchschnittlich hohes Geburtsgewicht des Kindes, wie es insbesondere bei einer mütterlichen Diabeteserkrankung gehäuft auftritt, stellt einen bedeutsamen Risikofaktor dar, da bei diesen Kindern die Schultern im Verhältnis zum Kopf oft besonders breit ausgebildet sind. Weitere begünstigende Faktoren sind eine vorausgegangene Geburt mit Schulterdystokie, eine übertragene Schwangerschaft sowie eine instrumentelle Entbindung mittels Zange oder Saugglocke. Dennoch tritt die Schulterdystokie auch bei einem erheblichen Teil der betroffenen Geburten ohne erkennbare vorausgegangene Risikofaktoren auf, was eine sichere Vorhersage im Einzelfall erschwert.
Symptome
Das charakteristische Zeichen der Schulterdystokie ist das sogenannte Turtle-Phänomen, bei dem sich das bereits geborene kindliche Köpfchen nach der Geburt unmittelbar wieder gegen den mütterlichen Damm zurückzieht, ähnlich dem Zurückziehen des Kopfes einer Schildkröte in ihren Panzer, was auf die anhaltende Spannung zwischen dem Köpfchen und der festsitzenden Schulter zurückzuführen ist. Die übliche, sanfte Zugbewegung am kindlichen Kopf in Kombination mit dem mütterlichen Mitpressen führt entgegen dem sonst üblichen Geburtsverlauf zu keiner weiteren Entwicklung des kindlichen Körpers. Da die Nabelschnur zwischen dem eingeklemmten kindlichen Körper und dem mütterlichen Becken komprimiert werden kann, besteht ein zunehmendes Risiko für eine Sauerstoffunterversorgung des Kindes, weshalb jede Minute bis zur erfolgreichen Entwicklung des Kindes von Bedeutung ist.
Diagnostik
Die Diagnose der Schulterdystokie wird unmittelbar klinisch anhand des charakteristischen Turtle-Phänomens sowie des ausbleibenden Fortschritts der Geburt trotz normaler Zug- und Pressbewegungen gestellt, wobei aufgrund der akuten Dringlichkeit keine weiterführende Diagnostik erforderlich oder sinnvoll ist. Von entscheidender Bedeutung ist vielmehr die rasche, sichere Erkennung des Ereignisses durch das geburtshilfliche Team, damit umgehend die etablierten, strukturierten Handgriffe zur Lösung der eingeklemmten Schulter eingeleitet werden können. Eine sorgfältige, nachträgliche Dokumentation des zeitlichen Ablaufs sowie der angewandten Maßnahmen ist für die weitere Betreuung von Mutter und Kind sowie für die Beratung bei künftigen Schwangerschaften von großer Bedeutung.
Behandlung
Die Behandlung der Schulterdystokie erfolgt durch ein standardisiertes, strukturiertes Vorgehen mit einer festgelegten Abfolge geburtshilflicher Handgriffe, die darauf abzielen, den Durchmesser des kindlichen Schultergürtels im Verhältnis zum mütterlichen Becken zu verändern oder die eingeklemmte Schulter gezielt zu lösen. Zu den grundlegenden Maßnahmen zählt zunächst eine veränderte Lagerung der Mutter, bei der die Oberschenkel stark an den Bauch angezogen werden, wodurch sich der Winkel des Beckens günstig verändert. Gelingt dadurch keine ausreichende Lösung, kommen weitere, gezielte manuelle Handgriffe zum Einsatz, bei denen die geburtshilflich tätige Person versucht, die vordere oder hintere Schulter des Kindes gezielt zu drehen oder zu entwickeln. In sehr seltenen, extremen Ausnahmefällen können weitergehende Maßnahmen notwendig werden, um das Kind rasch zu entbinden.
Verlauf und Prognose
Die Prognose der Schulterdystokie ist bei rascher Erkennung sowie fachgerechter Anwendung der etablierten Handgriffe bei der überwiegenden Mehrheit der betroffenen Geburten gut, wobei sich die eingeklemmte Schulter innerhalb weniger Minuten lösen lässt und sowohl Mutter als auch Kind das Ereignis ohne bleibende Folgen überstehen. Bei verzögerter Erkennung oder besonders hartnäckiger Einklemmung besteht ein erhöhtes Risiko für eine vorübergehende oder, in seltenen Fällen, bleibende Schädigung des kindlichen Armnervengeflechts durch den bei der Entwicklung notwendigen Zug, was zu einer vorübergehenden oder dauerhaften Lähmung des betroffenen Arms führen kann. Auch mütterliche Verletzungen des Geburtskanals kommen bei diesem Ereignis gehäuft vor. Bei Frauen mit einer vorausgegangenen Schulterdystokie wird bei einer künftigen Schwangerschaft eine besonders sorgfältige geburtshilfliche Planung empfohlen.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Schulterdystokie: Ursachen, Behandlung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Was ist das Turtle-Phänomen?
Das Zurückziehen des bereits geborenen kindlichen Köpfchens gegen den mütterlichen Damm unmittelbar nach der Geburt, ein charakteristisches Zeichen der Schulterdystokie.
Warum zählt jede Minute bei diesem Ereignis?
Weil die Nabelschnur zwischen dem eingeklemmten kindlichen Körper und dem mütterlichen Becken komprimiert werden kann, was zu einer zunehmenden Sauerstoffunterversorgung des Kindes führt.
Wie wird eine Schulterdystokie gelöst?
Durch ein standardisiertes, strukturiertes Vorgehen mit festgelegten geburtshilflichen Handgriffen, beginnend mit einer veränderten Lagerung der Mutter.
Welche Komplikation kann beim Kind zurückbleiben?
Eine vorübergehende oder, seltener, bleibende Schädigung des Armnervengeflechts mit entsprechender Lähmung des betroffenen Arms.
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