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Psyche & Nervensystem

Artifizielle Störung

Die artifizielle Störung, definiert als absichtliches Erzeugen oder Vortäuschen von körperlichen oder psychischen Symptomen oder Behinderungen, ist eine psychische Störung, bei der Betroffene bewusst und gezielt Krankheitssymptome herbeiführen, verstärken oder vortäuschen, um in die Rolle einer kranken Person zu gelangen und medizinische Untersuchungen oder Behandlungen zu erhalten. Im Unterschied zur Simulation, bei der ein äußerer, nachvollziehbarer Anreiz wie finanzieller Gewinn, die Vermeidung rechtlicher Konsequenzen oder die Befreiung von Pflichten im Vordergrund steht, fehlt bei der artifiziellen Störung ein solcher offensichtlicher äußerer Nutzen. Stattdessen scheint das zugrunde liegende Bedürfnis, die Krankenrolle einzunehmen und medizinische Aufmerksamkeit sowie Fürsorge zu erhalten, selbst die zentrale, oft unbewusste Motivation für das Verhalten darzustellen.

Ursachen

Die Ursachen der artifiziellen Störung sind nicht abschließend geklärt, es wird jedoch ein Zusammenhang mit belastenden frühkindlichen Erfahrungen vermutet, etwa Vernachlässigung, emotionaler Zurückweisung oder umgekehrt einer Kindheit, in der Zuwendung und Aufmerksamkeit vorrangig während tatsächlicher Erkrankungen erfahren wurden. Dies könnte dazu beitragen, dass die Krankenrolle unbewusst mit dem Erleben von Fürsorge und Aufmerksamkeit verknüpft wird. Auch ein tief verwurzeltes, oft nicht bewusst wahrgenommenes Bedürfnis nach Kontrolle über die eigene medizinische Versorgung sowie nach einer stabilen, klar definierten Identität als kranke Person werden als mögliche zugrunde liegende psychologische Mechanismen diskutiert. Häufig besteht zusätzlich eine ausgeprägte Vertrautheit mit medizinischen Abläufen, teilweise durch eigene frühere Krankheitserfahrungen oder eine berufliche Nähe zum Gesundheitswesen.

Symptome

Betroffene erzeugen, verstärken oder täuschen absichtlich körperliche oder psychische Symptome vor, etwa durch Manipulation von Wunden, das absichtliche Herbeiführen von Infektionen, das Vortäuschen neurologischer oder psychiatrischer Symptome oder die Verfälschung medizinischer Befunde. Charakteristisch ist ein häufig wiederholtes Aufsuchen unterschiedlicher medizinischer Einrichtungen, teilweise verbunden mit inkonsistenten oder widersprüchlichen Angaben zur Krankengeschichte. Betroffene zeigen häufig eine ausgeprägte Bereitschaft, sich wiederholt belastenden, teils invasiven medizinischen Untersuchungen und Eingriffen zu unterziehen. Im Unterschied zur Simulation lässt sich kein offensichtlicher äußerer Vorteil erkennen; die zugrunde liegende Motivation, in die Krankenrolle zu gelangen, wird von den Betroffenen selbst meist nicht offen eingeräumt oder bewusst wahrgenommen.

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Diagnostik

Die Diagnostik der artifiziellen Störung gestaltet sich besonders anspruchsvoll, da Betroffene ihr Verhalten in der Regel aktiv verbergen und die absichtliche Herbeiführung der Symptome nicht eingestehen. Hinweise können ein untypischer, mit den erhobenen Befunden nicht übereinstimmender Krankheitsverlauf, wiederholte Behandlungen in verschiedenen, teils weit entfernten medizinischen Einrichtungen sowie eine auffällige Diskrepanz zwischen der geschilderten Symptomatik und den objektivierbaren Befunden sein. Eine sorgfältige, koordinierte Zusammenarbeit zwischen den beteiligten medizinischen Fachrichtungen sowie eine behutsame psychiatrische Mitbeurteilung sind wichtige Bestandteile der Abklärung. Die Diagnosestellung erfordert höchste Sorgfalt, um Betroffene nicht fälschlich zu verdächtigen, während gleichzeitig unnötige, potenziell schädliche medizinische Maßnahmen vermieden werden sollen.

Behandlung

Die Behandlung der artifiziellen Störung gestaltet sich häufig besonders herausfordernd, da Betroffene ihr Verhalten in der Regel nicht als behandlungsbedürftig ansehen und eine direkte Konfrontation mit dem Verdacht häufig zu Rückzug oder dem Wechsel zu einer anderen medizinischen Einrichtung führt. Eine behutsame, nicht anklagende Gesprächsführung, die dem zugrunde liegenden psychischen Leidensdruck Raum gibt, ohne die Symptomvortäuschung direkt zu thematisieren, kann hilfreich sein, um überhaupt einen Zugang zu einer psychotherapeutischen Behandlung zu ermöglichen. Psychotherapeutische Ansätze, die auf die Bearbeitung zugrunde liegender belastender Erfahrungen sowie den Aufbau alternativer Wege zur Erlangung von Aufmerksamkeit und Fürsorge abzielen, stehen im Zentrum der Behandlung, sofern die betroffene Person sich hierauf einlässt.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf der artifiziellen Störung ist häufig chronisch, wiederkehrende Episoden mit dem Aufsuchen unterschiedlicher medizinischer Einrichtungen sind charakteristisch. Aufgrund der geringen Krankheitseinsicht und der Tendenz, sich einer direkten Konfrontation durch einen Wechsel der Behandlungseinrichtung zu entziehen, gestaltet sich eine erfolgreiche therapeutische Begleitung insgesamt schwierig. Wiederholte, teils invasive medizinische Eingriffe bergen zudem ein erhebliches Risiko für tatsächliche körperliche Folgeschäden. Gelingt dennoch der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung, können bei einem Teil der Betroffenen Verbesserungen erreicht werden, auch wenn dies angesichts der Komplexität der zugrunde liegenden psychischen Problematik häufig einen langwierigen Prozess darstellt.

Quellen & weiterführende Stellen

Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.

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FAQ

Häufige Fragen

Worin unterscheidet sich die artifizielle Störung von einer Simulation?

Bei einer Simulation besteht ein erkennbarer äußerer Vorteil wie finanzieller Gewinn, während bei der artifiziellen Störung ein solcher offensichtlicher Nutzen fehlt und stattdessen die Krankenrolle selbst im Vordergrund zu stehen scheint.

Warum ist die Diagnostik so schwierig?

Betroffene verbergen ihr Verhalten in der Regel aktiv und geben die absichtliche Herbeiführung der Symptome nicht zu, weshalb Hinweise oft nur indirekt über Verlauf und Behandlungsmuster erkennbar werden.

Ist den Betroffenen ihr Verhalten bewusst?

Die Symptomerzeugung selbst erfolgt bewusst, das zugrunde liegende psychische Bedürfnis nach der Krankenrolle wird von den Betroffenen jedoch häufig nicht bewusst wahrgenommen oder eingeräumt.

Welche Risiken bestehen durch wiederholte medizinische Eingriffe?

Wiederholte, teils invasive Untersuchungen und Eingriffe bergen ein erhebliches Risiko für tatsächliche körperliche Folgeschäden, unabhängig von der ursprünglich vorgetäuschten Symptomatik.

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