Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen
Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen bezeichnet ein Verhalten, bei dem eine Person zeitweise Kleidung des anderen Geschlechts trägt, um das vorübergehende Erleben der Zugehörigkeit zum anderen Geschlecht zu genießen, ohne dabei den dauerhaften Wunsch zu verspüren, die eigene Geschlechtsrolle vollständig zu wechseln oder eine geschlechtsangleichende medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen. Die betroffene Person identifiziert sich weiterhin grundsätzlich mit ihrem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht und lebt in ihrem Alltag überwiegend in der entsprechenden Geschlechtsrolle, wechselt jedoch zeitweise, oft in privaten oder geschützten Rahmen, in die Kleidung und Erscheinung des anderen Geschlechts. Dieses Verhalten wird nur dann als klinisch relevant betrachtet, wenn es mit erheblichem eigenem Leidensdruck verbunden ist, nicht per se aufgrund des Verhaltens selbst.
Ursachen
Die Ursachen des Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen sind nicht abschließend geklärt. Es wird angenommen, dass individuelle psychologische Faktoren, etwa das Bedürfnis, zeitweise andere Aspekte der eigenen Persönlichkeit oder des eigenen Erlebens auszudrücken, sowie eine gewisse Faszination für die Attribute des anderen Geschlechts zur Entstehung beitragen können. Bei einem Teil der Betroffenen ist das Verhalten zusätzlich mit sexueller Erregung verbunden, während es bei anderen in erster Linie dem Erleben von Entspannung, Freiheit oder einem anderen emotionalen Zustand dient, ohne primär sexuell motiviert zu sein. Ein klinisch bedeutsamer Krankheitswert entsteht in der Regel nicht durch das Verhalten selbst, sondern durch begleitenden Leidensdruck, etwa aufgrund von Scham oder gesellschaftlicher Ablehnung.
Symptome
Betroffene tragen zeitweise, meist in privaten oder geschützten Situationen, Kleidung und äußere Attribute des anderen Geschlechts und erleben dabei häufig ein Gefühl der Entspannung, Befriedigung oder auch sexuellen Erregung. Zwischen diesen Phasen leben sie überwiegend in ihrer ursprünglichen Geschlechtsrolle und identifizieren sich grundsätzlich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht, ohne den dauerhaften Wunsch nach einem vollständigen Rollenwechsel zu verspüren. Bei einem Teil der Betroffenen bestehen Scham- oder Schuldgefühle bezüglich des Verhaltens, insbesondere wenn das Umfeld ablehnend reagiert oder das Verhalten geheim gehalten werden muss, was zu erheblichem psychischem Leidensdruck führen kann.
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt durch ein einfühlsames, wertneutrales klinisches Gespräch, in dem das Verhalten, seine Bedeutung für die betroffene Person sowie ein möglicher begleitender Leidensdruck sorgfältig erfasst werden. Wichtig ist die Abgrenzung zu einer Störung der Geschlechtsidentität, bei der ein dauerhafter, tiefgreifender Wunsch nach einem vollständigen Wechsel der Geschlechtsrolle besteht, was bei dieser Diagnose definitionsgemäß nicht der Fall ist. Ein Krankheitswert wird nur dann angenommen, wenn das Verhalten selbst mit erheblichem eigenem Leidensdruck verbunden ist, nicht allein aufgrund des Verhaltens als solchem, das für sich genommen eine Variante menschlichen Ausdrucksverhaltens darstellen kann.
Behandlung
Eine Behandlung ist nur bei Vorliegen eines klinisch bedeutsamen Leidensdrucks angezeigt. In diesem Fall steht eine unterstützende, wertschätzende Psychotherapie im Vordergrund, die der betroffenen Person hilft, einen selbstbestimmten, akzeptierenden Umgang mit dem eigenen Verhalten zu entwickeln und Scham- oder Schuldgefühle zu bearbeiten, statt das Verhalten selbst zu unterdrücken. Auch die Unterstützung im Umgang mit einem möglicherweise ablehnenden sozialen Umfeld, etwa durch Beratung zu einer offenen, situationsangemessenen Kommunikation, kann hilfreich sein. Eine Behandlung, die auf eine vollständige Unterdrückung des Verhaltens abzielt, wird fachlich in der Regel nicht empfohlen, wenn das Verhalten selbst keinen Schaden verursacht.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf ist bei den meisten Betroffenen stabil, das Verhalten besteht häufig über einen längeren Zeitraum oder das gesamte Leben fort, ohne dass sich daraus zwingend weitere Beeinträchtigungen ergeben. Mit einer akzeptierenden Haltung gegenüber dem eigenen Verhalten sowie einem unterstützenden sozialen Umfeld können Betroffene in der Regel ein zufriedenstellendes Leben führen. Bei bestehendem Leidensdruck verbessert eine unterstützende psychotherapeutische Begleitung, die auf Selbstakzeptanz statt Unterdrückung abzielt, die Prognose deutlich. Eine Entwicklung hin zu einem dauerhaften Wunsch nach vollständigem Rollenwechsel ist bei dieser Diagnose definitionsgemäß nicht das übliche Verlaufsmuster, kann jedoch bei einem kleinen Teil der Betroffenen im Zeitverlauf auftreten und sollte dann gesondert fachlich eingeordnet werden.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Geschlechtsidentität und Ausdrucksformen: Einordnung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Wünschen sich Betroffene einen dauerhaften Wechsel der Geschlechtsrolle?
Nein, im Unterschied zu einer Störung der Geschlechtsidentität besteht bei dieser Diagnose kein dauerhafter Wunsch nach einem vollständigen Rollenwechsel; die betroffene Person identifiziert sich weiterhin grundsätzlich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht.
Ist dieses Verhalten grundsätzlich behandlungsbedürftig?
Nein, das Verhalten selbst ist nicht per se behandlungsbedürftig; eine Behandlung ist nur bei erheblichem eigenem Leidensdruck angezeigt.
Ist das Verhalten immer sexuell motiviert?
Nicht immer, bei manchen Betroffenen ist es mit sexueller Erregung verbunden, bei anderen dient es primär dem Erleben von Entspannung oder einem anderen emotionalen Zustand.
Wird eine Unterdrückung des Verhaltens empfohlen?
Nein, eine Behandlung, die auf vollständige Unterdrückung abzielt, wird fachlich in der Regel nicht empfohlen; im Vordergrund steht die Förderung eines selbstbestimmten, akzeptierenden Umgangs.
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