Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters
Die Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters, im heutigen fachlichen Sprachgebrauch häufig auch als Geschlechtsdysphorie im Kindesalter bezeichnet, beschreibt ein ausgeprägtes, anhaltendes Unbehagen eines Kindes mit dem eigenen, bei Geburt zugewiesenen Geschlecht, das bereits vor Beginn der Pubertät auftritt und mit dem starken, wiederholt geäußerten Wunsch einhergeht, dem jeweils anderen Geschlecht anzugehören. Betroffene Kinder zeigen eine tiefgreifende Ablehnung geschlechtstypischer Kleidung, Aktivitäten und Rollenzuschreibungen ihres zugewiesenen Geschlechts sowie eine ausgeprägte Identifikation mit dem anderen Geschlecht. Von einer klinisch bedeutsamen Störung im diagnostischen Sinn spricht man, wenn dieses Erleben über einen längeren Zeitraum anhält, deutlich über gelegentliches geschlechtsuntypisches Spielverhalten hinausgeht und zu erheblichem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen führt.
Ursachen
Die Ursachen einer ausgeprägten Geschlechtsidentitätsentwicklung, die nicht dem bei Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht, sind Gegenstand fortlaufender Forschung und nicht abschließend geklärt. Es wird ein Zusammenspiel biologischer, genetischer und möglicherweise pränataler hormoneller Faktoren diskutiert, die die frühe Entwicklung des Geschlechtsempfindens beeinflussen können. Die frühere Annahme, dass elterliches Erziehungsverhalten ursächlich für die Entstehung einer von dem zugewiesenen Geschlecht abweichenden Geschlechtsidentität sei, gilt nach heutigem fachlichem Kenntnisstand als nicht haltbar. Für die klinische Praxis ist besonders relevant, dass das kindliche Erleben der eigenen Geschlechtsidentität als authentischer innerer Ausdruck verstanden wird, der ernst genommen werden sollte, unabhängig von letztlich noch nicht vollständig geklärten Entstehungsmechanismen.
Symptome
Betroffene Kinder zeigen ein ausgeprägtes, wiederholt geäußertes Unbehagen mit dem eigenen, bei Geburt zugewiesenen Geschlecht sowie den starken Wunsch, dem anderen Geschlecht anzugehören oder als solches behandelt zu werden. Charakteristisch sind eine deutliche Präferenz für Kleidung, Spielzeug und Aktivitäten, die typischerweise dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden, sowie eine ausgeprägte Ablehnung geschlechtstypischer Erwartungen des zugewiesenen Geschlechts. Manche Kinder äußern zudem eine ausgeprägte Abneigung gegen die eigenen primären oder sich entwickelnden sekundären Geschlechtsmerkmale. Diese Merkmale bestehen über einen längeren Zeitraum, deutlich über gelegentliches, entwicklungstypisches geschlechtsuntypisches Spielverhalten hinaus, und führen zu spürbarem Leidensdruck oder Beeinträchtigungen im sozialen und familiären Alltag.
Diagnostik
Die Diagnostik erfolgt durch eine ausführliche, spezialisierte entwicklungspsychologische und kinder- und jugendpsychiatrische Untersuchung, die das kindliche Erleben der eigenen Geschlechtsidentität, dessen zeitlichen Verlauf sowie das Ausmaß des damit verbundenen Leidensdrucks sorgfältig und einfühlsam erfasst. Wichtig ist die Einbeziehung der Eltern sowie eine sorgfältige Abgrenzung zu einem entwicklungstypischen, vorübergehenden geschlechtsuntypischen Spielverhalten, das bei vielen Kindern vorkommt und keinen Krankheitswert besitzt. Die diagnostische Einordnung erfolgt behutsam und wertschätzend, mit dem Ziel, das kindliche Erleben ernst zu nehmen und gleichzeitig eine sorgfältige, altersangemessene Begleitung des weiteren Entwicklungsverlaufs zu ermöglichen.
Behandlung
Die fachlich empfohlene Begleitung von Kindern mit einer ausgeprägten, anhaltenden Abweichung zwischen erlebter und zugewiesener Geschlechtsidentität erfolgt behutsam, wertschätzend und altersangemessen, unter enger Einbeziehung von spezialisierten kinder- und jugendpsychiatrischen sowie psychologischen Fachkräften. Im Vordergrund steht eine unterstützende psychotherapeutische Begleitung des Kindes und seiner Familie, die Raum für die kindliche Selbstfindung lässt, ohne vorschnelle, irreversible Maßnahmen zu ergreifen. Die Einbindung und Beratung der Eltern ist von zentraler Bedeutung, um dem Kind ein unterstützendes, akzeptierendes Umfeld zu ermöglichen. Medizinische Maßnahmen sind im Kindesalter in der Regel nicht angezeigt; die konkrete Begleitung orientiert sich an aktuellen fachlichen Leitlinien und wird individuell und interdisziplinär abgestimmt.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich: Bei einem Teil der betroffenen Kinder bleibt das Erleben einer vom zugewiesenen Geschlecht abweichenden Geschlechtsidentität auch über die Pubertät hinaus stabil bestehen, während sich bei anderen Kindern das Erleben im Laufe der weiteren Entwicklung verändert. Eine zuverlässige Vorhersage des individuellen Verlaufs ist im Kindesalter nicht möglich, weshalb eine behutsame, offene Begleitung ohne vorschnelle Festlegungen fachlich empfohlen wird. Mit einer unterstützenden, wertschätzenden Begleitung durch Familie und spezialisierte Fachkräfte zeigen betroffene Kinder in der Regel eine deutlich bessere psychische Stabilität und ein geringeres Risiko für Begleitbelastungen als bei einem ablehnenden oder wenig unterstützenden Umfeld.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Geschlechtsidentität bei Kindern und Jugendlichen
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Ist geschlechtsuntypisches Spielverhalten bei Kindern immer ein Anzeichen für diese Störung?
Nein, viele Kinder zeigen zeitweise geschlechtsuntypisches Spielverhalten, das entwicklungstypisch ist und keinen Krankheitswert besitzt; klinisch bedeutsam ist erst ein anhaltendes, ausgeprägtes Erleben mit erheblichem Leidensdruck.
Sind Eltern für die Entstehung verantwortlich?
Nein, die frühere Annahme eines ursächlichen Erziehungseinflusses gilt als fachlich nicht haltbar; es werden vielmehr biologische und genetische Faktoren diskutiert.
Werden im Kindesalter medizinische Maßnahmen eingeleitet?
Nein, medizinische Maßnahmen sind im Kindesalter in der Regel nicht angezeigt; im Vordergrund steht eine behutsame psychotherapeutische Begleitung von Kind und Familie.
Bleibt das Erleben immer bis ins Erwachsenenalter bestehen?
Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich und im Kindesalter nicht zuverlässig vorhersagbar, weshalb eine offene, wertschätzende Begleitung ohne vorschnelle Festlegungen empfohlen wird.
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