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Psyche & Nervensystem

Induzierte wahnhafte Störung

Die induzierte wahnhafte Störung, gelegentlich auch als Folie à deux bezeichnet, ist eine seltene psychische Störung, bei der eine Person die wahnhaften Überzeugungen einer anderen, primär an einer wahnhaften Störung erkrankten Person übernimmt, obwohl sie selbst zuvor keine eigenständige psychotische Erkrankung aufwies. Diese Übertragung des Wahns tritt typischerweise im Rahmen einer besonders engen, oft langjährigen und häufig sozial isolierten Beziehung zwischen zwei oder gelegentlich mehreren Personen auf, wobei die primär erkrankte Person meist eine dominierende Rolle innerhalb der Beziehung einnimmt. Wird die betroffene, sekundär erkrankte Person von der primär erkrankten Person getrennt, bildet sich der übernommene Wahn bei einem erheblichen Teil der Betroffenen im Laufe der Zeit wieder zurück.

Ursachen

Eine induzierte wahnhafte Störung entsteht durch die enge, häufig ausschließliche Beziehung zu einer primär an einer wahnhaften Störung erkrankten Person, deren Überzeugungen von der zweiten, meist psychisch zuvor unauffälligen Person allmählich übernommen werden. Begünstigende Faktoren sind eine ausgeprägte soziale Isolation des betroffenen Personenkreises, die den Einfluss weiterer, korrigierender sozialer Kontakte verringert, sowie eine besonders enge emotionale Abhängigkeit oder Unterordnung der sekundär betroffenen Person gegenüber der primär erkrankten Person. Am häufigsten tritt diese Störung innerhalb von Partnerschaften oder engen familiären Beziehungen, etwa zwischen Mutter und Kind oder unter Geschwistern, auf. Eine gewisse psychische Vulnerabilität der sekundär betroffenen Person, etwa eine geringere eigene psychische Widerstandsfähigkeit, wird als zusätzlicher begünstigender Faktor diskutiert.

Symptome

Die sekundär betroffene Person übernimmt die wahnhaften Überzeugungen der primär erkrankten Person, häufig in nahezu identischer inhaltlicher Ausprägung, etwa bestimmte Verfolgungs- oder Bedrohungsgedanken. Außerhalb dieser übernommenen wahnhaften Überzeugungen zeigt die sekundär betroffene Person meist keine weiteren Anzeichen einer eigenständigen psychotischen Erkrankung und wirkt in anderen Lebensbereichen häufig unauffällig. Das gemeinsame Festhalten an den geteilten wahnhaften Überzeugungen kann zu einer weiteren Isolation des betroffenen Personenkreises von der Außenwelt führen, da widersprechende Reaktionen des Umfelds gemeinsam abgewehrt werden. Bei einer Trennung der beiden Personen kommt es bei einem erheblichen Teil der sekundär betroffenen Person zu einer allmählichen Auflösung der übernommenen wahnhaften Überzeugungen.

Diagnostik

Die Diagnose wird durch eine sorgfältige psychiatrische Untersuchung beider beteiligter Personen gestellt, bei der die Art und der Inhalt der wahnhaften Überzeugungen, ihre zeitliche Entwicklung sowie die Art und Dauer der Beziehung zwischen den betroffenen Personen erfasst werden. Wichtig für die Diagnosestellung ist der Nachweis, dass die sekundär betroffene Person vor der engen Beziehung zur primär erkrankten Person keine eigenständige psychotische Symptomatik zeigte. Eine getrennte Untersuchung beider Personen, sofern möglich, kann helfen, das Ausmaß der wechselseitigen Beeinflussung sowie die individuelle psychische Verfassung jeder einzelnen Person besser einzuschätzen. Eine sorgfältige Erfassung des sozialen Umfelds sowie des Ausmaßes der Isolation ist ebenfalls wichtiger Bestandteil der Abklärung.

Behandlung

Die wichtigste Behandlungsmaßnahme bei einer induzierten wahnhaften Störung ist häufig die vorübergehende räumliche Trennung der sekundär betroffenen Person von der primär erkrankten Person, da sich die übernommenen wahnhaften Überzeugungen bei einem erheblichen Teil der Betroffenen bereits durch diese Trennung allmählich zurückbilden. Begleitend wird eine psychotherapeutische Unterstützung angeboten, die der sekundär betroffenen Person hilft, die Erfahrung zu verarbeiten sowie neue, stabilisierende soziale Kontakte außerhalb der ursprünglichen, isolierten Beziehung aufzubauen. Die primär erkrankte Person wird eigenständig entsprechend ihrer zugrunde liegenden wahnhaften Störung behandelt, häufig mit einer medikamentösen antipsychotischen Therapie. Bilden sich die wahnhaften Überzeugungen der sekundär betroffenen Person nach der Trennung nicht zurück, wird auch bei ihr eine eigenständige, gezielte Behandlung eingeleitet.

Verlauf und Prognose

Die Prognose der sekundär betroffenen Person ist bei rechtzeitiger Trennung von der primär erkrankten Person überwiegend günstig, da sich die übernommenen wahnhaften Überzeugungen bei einem erheblichen Teil der Betroffenen innerhalb von Wochen bis Monaten nach der Trennung zurückbilden. Bleibt die enge Beziehung zwischen beiden Personen hingegen bestehen, kann sich die geteilte wahnhafte Überzeugung über lange Zeit stabil halten und die soziale Isolation des betroffenen Personenkreises weiter verstärken. Bei einem kleineren Teil der sekundär betroffenen Personen bilden sich die wahnhaften Überzeugungen auch nach einer Trennung nicht vollständig zurück, was auf eine möglicherweise bereits eigenständige psychotische Erkrankung hindeuten kann und eine entsprechend eigenständige, weiterführende Behandlung erforderlich macht.

Quellen & weiterführende Stellen

Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.

FAQ

Häufige Fragen

Was bedeutet der Begriff Folie à deux?

Er beschreibt bildhaft das gemeinsame Teilen einer wahnhaften Überzeugung durch zwei eng miteinander verbundene Personen und wird gelegentlich als anschaulicher, umgangssprachlicher Begriff für die induzierte wahnhafte Störung verwendet.

Warum ist eine Trennung der beiden Personen oft die wichtigste Behandlungsmaßnahme?

Weil sich die übernommenen wahnhaften Überzeugungen der sekundär betroffenen Person bei einem erheblichen Teil der Betroffenen bereits durch die räumliche Trennung von der primär erkrankten Person allmählich zurückbilden.

Warum tritt diese Störung meist in isolierten Beziehungen auf?

Weil eine ausgeprägte soziale Isolation den Einfluss weiterer, korrigierender sozialer Kontakte verringert, wodurch die wahnhaften Überzeugungen der primär erkrankten Person leichter ungehindert auf die sekundär betroffene Person übergehen können.

Ist die sekundär betroffene Person auch außerhalb des Wahns psychisch auffällig?

In der Regel nicht, sie zeigt außerhalb der übernommenen wahnhaften Überzeugungen meist keine weiteren Anzeichen einer eigenständigen psychotischen Erkrankung und wirkt in anderen Lebensbereichen häufig unauffällig.

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