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Innere Medizin

Adrenogenitales Syndrom (AGS) im Kindes- und Jugendalter

Das adrenogenitale Syndrom ist eine Gruppe erblicher Störungen der Hormonbildung in der Nebennierenrinde, bei denen ein Defekt eines an der Kortisolproduktion beteiligten Enzyms zu einer unzureichenden Bildung des lebenswichtigen Hormons Kortisol führt. Da der Körper versucht, diesen Mangel über eine vermehrte Stimulation der Nebennierenrinde auszugleichen, kommt es gleichzeitig zu einer übermäßigen Bildung von Vorstufen, aus denen vermehrt männliche Geschlechtshormone entstehen. Die häufigste und schwerste Form des adrenogenitalen Syndroms betrifft zusätzlich die Bildung des Hormons Aldosteron, das für die Regulation des Salz- und Wasserhaushalts von zentraler Bedeutung ist, weshalb betroffene Neugeborene ohne rechtzeitige Behandlung eine lebensbedrohliche Salzverlustkrise entwickeln können.

Ursachen

Das adrenogenitale Syndrom wird durch Veränderungen in einem der Gene verursacht, die für Enzyme kodieren, die an der stufenweisen Produktion von Kortisol in der Nebennierenrinde beteiligt sind, wobei ein Mangel des Enzyms 21-Hydroxylase mit Abstand die häufigste zugrunde liegende Ursache darstellt. Die Erkrankung wird autosomal-rezessiv vererbt, was bedeutet, dass ein Kind nur dann erkrankt, wenn es von beiden Elternteilen jeweils eine veränderte Genkopie erbt, während die Eltern selbst als sogenannte Überträger meist gesund bleiben. Durch den Enzymdefekt kann die Nebennierenrinde nicht ausreichend Kortisol bilden, wodurch die übergeordnete Steuerung im Gehirn die Nebenniere zu einer vermehrten Aktivität anregt, was wiederum zu einer übermäßigen Bildung von Zwischenprodukten führt, aus denen vermehrt männliche Geschlechtshormone entstehen. Bei der schwersten, sogenannten salzverlierenden Form ist zusätzlich die Bildung des Hormons Aldosteron beeinträchtigt.

Symptome

Bei Mädchen mit der klassischen, schweren Form des adrenogenitalen Syndroms fällt bereits bei der Geburt eine Vermännlichung der äußeren Geschlechtsorgane auf, die von einer geringfügigen Vergrößerung der Klitoris bis zu einer weitgehend männlich erscheinenden äußeren Genitalregion reichen kann, während die inneren weiblichen Geschlechtsorgane regelrecht angelegt sind. Bei Jungen fehlt ein entsprechendes äußerliches Anzeichen bei der Geburt, weshalb die Diagnose bei ihnen ohne ein gezieltes Neugeborenenscreening häufig erst verzögert gestellt wird. Bei der salzverlierenden Form entwickelt sich innerhalb der ersten Lebenswochen eine lebensbedrohliche Salzverlustkrise mit Erbrechen, Gewichtsverlust, Austrocknung sowie einer gefährlichen Störung des Elektrolythaushalts, die unbehandelt tödlich verlaufen kann. Bei milderen, später einsetzenden Formen können sich im Kindes- oder Jugendalter eine vorzeitige Schambehaarung, ein beschleunigtes Wachstum sowie bei Mädchen Zyklusstörungen zeigen.

Diagnostik

Die klassische, schwere Form des adrenogenitalen Syndroms wird in Deutschland routinemäßig im Rahmen des Neugeborenenscreenings durch die Bestimmung eines charakteristischen Vorstufenhormons aus einer kleinen Blutprobe erfasst, wodurch die Diagnose bereits in den ersten Lebenstagen gestellt werden kann, bevor sich eine lebensbedrohliche Salzverlustkrise entwickelt. Bei Mädchen mit auffälliger äußerer Genitalregion bei der Geburt wird die Diagnostik zusätzlich durch die körperliche Untersuchung nahegelegt. Zur Bestätigung der Diagnose sowie zur genauen Bestimmung des zugrunde liegenden Enzymdefekts werden weiterführende Hormonuntersuchungen im Blut sowie eine molekulargenetische Untersuchung durchgeführt. Bei später im Kindes- oder Jugendalter auftretenden, milderen Formen wird die Diagnose durch gezielte Hormonuntersuchungen bei entsprechendem klinischem Verdacht, etwa bei vorzeitiger Schambehaarung, gestellt.

Behandlung

Die Behandlung des adrenogenitalen Syndroms besteht in einer lebenslangen Substitution der fehlenden Hormone, wobei Kortisol in Form eines entsprechenden Medikaments ersetzt wird, um sowohl den eigentlichen Hormonmangel auszugleichen als auch die übermäßige Stimulation der Nebenniere und die damit verbundene vermehrte Bildung männlicher Geschlechtshormone zu unterdrücken. Bei der salzverlierenden Form wird zusätzlich das fehlende Aldosteron durch ein entsprechendes Medikament ersetzt, um den Salz- und Wasserhaushalt zu stabilisieren. Die genaue Dosierung der Medikamente muss individuell und im Verlauf des Wachstums immer wieder angepasst werden, wobei eine engmaschige endokrinologische Betreuung notwendig ist, um sowohl eine unzureichende als auch eine übermäßige Hormonsubstitution zu vermeiden. In Belastungssituationen wie Fieber, Operationen oder Unfällen muss die Kortisondosis vorübergehend deutlich erhöht werden, um eine lebensbedrohliche Krise zu verhindern.

Verlauf und Prognose

Bei rechtzeitiger Diagnosestellung durch das Neugeborenenscreening sowie konsequenter, lebenslanger Hormonsubstitution ist die Prognose des adrenogenitalen Syndroms heute gut, wobei betroffene Kinder bei angemessener Behandlung eine weitgehend normale körperliche Entwicklung sowie eine normale Lebenserwartung erreichen können. Eine besondere Herausforderung stellt die kontinuierliche, lebenslange Notwendigkeit der Hormonsubstitution dar, wobei sowohl eine unzureichende als auch eine übermäßige Behandlung mit eigenen gesundheitlichen Risiken verbunden ist, weshalb eine regelmäßige, spezialisierte endokrinologische Nachsorge über das gesamte Leben notwendig bleibt. Bei Mädchen mit ausgeprägter Vermännlichung der äußeren Geschlechtsorgane wird häufig eine operative Korrektur im Kindesalter durchgeführt, wobei diese Entscheidung heute unter sorgfältiger Einbeziehung der Familie sowie unter Berücksichtigung der späteren eigenen Entscheidungsfähigkeit des Kindes getroffen wird.

Quellen & weiterführende Stellen

Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.

FAQ

Häufige Fragen

Warum wird die Erkrankung bei Neugeborenen gescreent?

Weil die schwerste Form unbehandelt zu einer lebensbedrohlichen Salzverlustkrise führen kann, die durch das Screening bereits vor Auftreten der Symptome erkannt werden soll.

Warum fällt die Erkrankung bei Mädchen oft schon bei der Geburt auf, bei Jungen nicht?

Weil bei Mädchen die vermehrte Bildung männlicher Geschlechtshormone eine sichtbare Vermännlichung der äußeren Geschlechtsorgane verursacht, während bei Jungen ein entsprechendes äußerliches Anzeichen fehlt.

Muss die Behandlung lebenslang fortgeführt werden?

Ja, die Hormonsubstitution ist lebenslang notwendig und muss im Verlauf immer wieder individuell angepasst werden.

Was muss in Belastungssituationen wie bei Fieber beachtet werden?

Die Kortisondosis muss vorübergehend deutlich erhöht werden, um eine lebensbedrohliche Krise zu verhindern.

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