Trance- und Besessenheitszustände
Trance- und Besessenheitszustände sind eine Form der dissoziativen Störungen, bei der Betroffene vorübergehend das Gefühl ihrer eigenen persönlichen Identität sowie das volle Bewusstsein für ihre unmittelbare Umgebung verlieren, wobei in manchen Fällen das Verhalten so wirkt, als sei die Person von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist oder einer anderen Kraft beherrscht oder gesteuert. Entscheidend für die diagnostische Einordnung als Störung ist, dass es sich nicht um einen im jeweiligen kulturellen oder religiösen Kontext erwarteten und akzeptierten Zustand handelt, etwa im Rahmen anerkannter religiöser oder kultureller Rituale, sondern um einen unwillkürlichen, belastenden und als Kontrollverlust erlebten Zustand, der außerhalb solcher akzeptierten Zusammenhänge auftritt und mit deutlichem Leidensdruck oder Beeinträchtigung verbunden ist.
Ursachen
Trance- und Besessenheitszustände entwickeln sich häufig als Reaktion auf erheblichen psychischen Stress, belastende oder traumatische Lebensereignisse, bei denen die betroffene Person unbewusst belastende Gedanken, Erinnerungen oder Gefühle von ihrem bewussten Erleben abkoppelt. Dieser Mechanismus wird, ähnlich wie bei anderen dissoziativen Störungen, als eine Art unbewusster psychischer Schutzmechanismus verstanden, der die betroffene Person vorübergehend vor einer als überwältigend erlebten emotionalen Belastung abschirmt. Risikofaktoren umfassen frühere belastende Lebenserfahrungen, eine ausgeprägte individuelle Neigung zu dissoziativen Reaktionen sowie ein Mangel an alternativen Bewältigungsstrategien im Umgang mit extremer psychischer Belastung. Wichtig ist die sorgfältige Abgrenzung zu kulturell oder religiös akzeptierten Trancezuständen, die nicht als Störung gelten, auch wenn sie äußerlich ähnliche Erscheinungsformen zeigen können.
Symptome
Während einer Episode erleben Betroffene einen vorübergehenden Verlust des Gefühls ihrer eigenen persönlichen Identität sowie eine eingeschränkte Wahrnehmung ihrer unmittelbaren Umgebung. Das Verhalten kann dabei repetitive Bewegungen, Haltungen oder Äußerungen umfassen, die für die betroffene Person untypisch sind und mitunter so wirken, als würde sie von einer fremden Instanz gesteuert. Nach Abklingen der Episode besteht häufig nur eine unvollständige oder gar keine Erinnerung an das Geschehene. Die Episoden können unterschiedlich lange andauern und treten typischerweise im Zusammenhang mit erheblicher psychischer Belastung auf. Betroffene erleben die Zustände häufig als beängstigend und beunruhigend, insbesondere wenn sie sich nicht in einem entsprechenden kulturellen oder religiösen Kontext ereignen, in dem ein solcher Zustand erwartet und eingeordnet werden könnte.
Diagnostik
Die Diagnostik erfordert eine sorgfältige, kultursensible Abklärung, bei der zunächst geprüft wird, ob der Zustand im Rahmen eines akzeptierten religiösen oder kulturellen Kontexts auftritt, in welchem Fall keine Störung im medizinischen Sinne vorliegt. Erst wenn der Trance- oder Besessenheitszustand unwillkürlich, außerhalb eines solchen akzeptierten Rahmens und mit deutlichem Leidensdruck oder Beeinträchtigung der Alltagsfunktion auftritt, wird die Diagnose einer dissoziativen Störung in Erwägung gezogen. Der sorgfältige Ausschluss körperlicher Ursachen, etwa neurologischer Erkrankungen, die zu ähnlichen Bewusstseinsveränderungen führen können, sowie einer Substanzeinwirkung ist ebenfalls wesentlicher Bestandteil der Diagnostik. Eine einfühlsame, kultursensible Gesprächsführung ist bei dieser Diagnose von besonderer Bedeutung.
Behandlung
Die Behandlung von Trance- und Besessenheitszuständen als dissoziative Störung erfolgt zunächst durch eine ruhige, sichere Begleitung während akuter Episoden sowie im Anschluss durch eine psychotherapeutische Aufarbeitung der zugrunde liegenden belastenden Lebensumstände oder traumatischen Erfahrungen. Unterstützende, stabilisierende und gegebenenfalls traumafokussierte therapeutische Ansätze können hierbei zum Einsatz kommen, mit dem Ziel, alternative, bewusste Bewältigungsstrategien im Umgang mit extremer emotionaler Belastung zu entwickeln. Eine kultursensible therapeutische Haltung, die die individuellen kulturellen und religiösen Hintergründe der betroffenen Person respektiert und einbezieht, ist für den Behandlungserfolg von besonderer Bedeutung. Bei wiederkehrenden Episoden ist eine längerfristige psychotherapeutische Begleitung sinnvoll.
Verlauf und Prognose
Der Verlauf von Trance- und Besessenheitszuständen als dissoziative Störung ist individuell unterschiedlich: Bei einmaligem Auftreten im Zusammenhang mit einem klar abgrenzbaren belastenden Ereignis ist die Prognose meist günstig, insbesondere wenn die zugrunde liegende Belastung angemessen verarbeitet werden kann. Bleibt die zugrunde liegende psychische Belastung jedoch unbearbeitet oder besteht eine ausgeprägte Neigung zu dissoziativen Reaktionen, kann es zu wiederkehrenden Episoden kommen. Mit gezielter, kultursensibler psychotherapeutischer Unterstützung sowie dem Aufbau alternativer Bewältigungsstrategien ist die langfristige Prognose insgesamt günstig, wobei der respektvolle Umgang mit dem individuellen kulturellen Hintergrund der betroffenen Person den Behandlungserfolg wesentlich unterstützt.
Quellen & weiterführende Stellen
- Gesundheitsinformation.de (IQWiG) — Dissoziative Störungen: Symptome, Ursachen, Behandlung
Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Häufige Fragen
Sind alle Trancezustände eine psychische Störung?
Nein, im Rahmen anerkannter religiöser oder kultureller Rituale auftretende Trancezustände gelten nicht als Störung; entscheidend ist, ob der Zustand unwillkürlich, außerhalb eines akzeptierten Kontexts und mit Leidensdruck verbunden auftritt.
Erinnern sich Betroffene später an die Episode?
Häufig besteht nach Abklingen der Episode nur eine unvollständige oder gar keine Erinnerung an das Geschehene.
Was löst solche Episoden typischerweise aus?
Häufige Auslöser sind erheblicher psychischer Stress sowie belastende oder traumatische Lebensereignisse, die unbewusst von der bewussten Wahrnehmung abgekoppelt werden.
Warum ist eine kultursensible Behandlung wichtig?
Da sich anerkannte kulturelle oder religiöse Trancezustände von der medizinischen Störung unterscheiden, ist eine Behandlung, die den individuellen kulturellen Hintergrund respektiert und einbezieht, für den Behandlungserfolg besonders bedeutsam.
Weiterlesen
Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Narzisstische Persönlichkeitsstörung: mehr als übertriebenes Selbstbewusstsein.
Weiterlesen →Psyche & NervensystemAntisoziale Persönlichkeitsstörung
Antisoziale Persönlichkeitsstörung: ein wiederkehrendes Muster aus Missachtung der Rechte anderer.
Weiterlesen →Psyche & NervensystemDependente Persönlichkeitsstörung
Dependente Persönlichkeitsstörung: ein übersteigertes Bedürfnis, umsorgt zu werden.
Weiterlesen →Erste Hilfe lernen statt nur nachlesen
Im Kurs übst du die Handgriffe unter Anleitung — Theorie und Praxis zusammen.