Ein Angebot von Personal Paramedic e.K. · DGUV-anerkannte Ausbildungsstätte (8.2018)
Psyche & Nervensystem

Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung

Die Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung ist eine Form der Bindungsstörungen, bei der Kinder ein distanzloses, wahllos anklammerndes und übermäßig vertrautes Verhalten gegenüber wenig vertrauten oder fremden Personen zeigen, ohne die für die kindliche Entwicklung typische Zurückhaltung und Vorsicht gegenüber Unbekannten zu entwickeln. Im Gegensatz zur reaktiven Bindungsstörung, bei der Kinder eher gehemmt und übermäßig zurückhaltend im Bindungsverhalten sind, zeigt sich bei der Bindungsstörung mit Enthemmung ein gegenteiliges Muster: Betroffene Kinder suchen unterschiedslos Nähe und Kontakt zu praktisch jeder verfügbaren Person, ohne die für eine gesunde Bindungsentwicklung typische Bevorzugung vertrauter Bezugspersonen und die entsprechende Vorsicht gegenüber Fremden zu zeigen.

Ursachen

Die Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung entwickelt sich typischerweise als Folge stark instabiler, wechselhafter oder unzureichender früher Beziehungserfahrungen, etwa bei häufigen Wechseln der Bezugspersonen, etwa im Rahmen wiederholter Fremdunterbringungen, oder bei einer frühen Betreuung in Einrichtungen mit unzureichender individueller Zuwendung und häufig wechselndem Betreuungspersonal. Wenn Kinder in den ersten Lebensjahren keine Gelegenheit hatten, eine stabile, verlässliche Bindung zu einer oder wenigen konstanten Bezugspersonen aufzubauen, können sie stattdessen ein generalisiertes, wahlloses Bindungsverhalten gegenüber praktisch jeder verfügbaren Person entwickeln, das als eine Art Anpassung an die fehlende Verlässlichkeit früher Beziehungserfahrungen verstanden wird.

Symptome

Betroffene Kinder zeigen ein auffällig distanzloses Verhalten gegenüber fremden oder wenig vertrauten Erwachsenen, etwa indem sie unbekannte Personen ohne die übliche Zurückhaltung ansprechen, sich von ihnen trösten oder auf den Arm nehmen lassen oder ihnen unangemessen vertraut begegnen, ohne dabei eine erkennbare Bevorzugung vertrauter Bezugspersonen zu zeigen. Dieses Verhalten unterscheidet sich deutlich von der für die kindliche Entwicklung typischen Vorsicht und Zurückhaltung gegenüber Fremden, die sich üblicherweise ab dem späten Säuglingsalter entwickelt. Gleichzeitig zeigen betroffene Kinder häufig keine tiefergehende emotionale Bindung zu einer bestimmten Bezugsperson, was sich in einem Mangel an gezieltem Trost- oder Nähesuchen bei dieser Person in belastenden Situationen äußern kann. Das distanzlose Verhalten kann für Betroffene mit einem erhöhten Risiko einhergehen, in unsichere oder gefährliche Situationen zu geraten.

Anzeige

Diagnostik

Die Diagnostik erfolgt durch eine ausführliche kinderpsychiatrische und entwicklungspsychologische Untersuchung, in der das Bindungsverhalten des Kindes gegenüber vertrauten und fremden Personen sorgfältig beobachtet und erfasst wird. Eine sorgfältige Anamnese der frühkindlichen Beziehungs- und Betreuungserfahrungen, insbesondere möglicher Wechsel von Bezugspersonen oder unzureichender individueller Zuwendung in den ersten Lebensjahren, ist wesentlicher Bestandteil der Abklärung. Entscheidend für die Diagnose ist das charakteristische, wahllos distanzlose Verhalten gegenüber fremden Personen bei gleichzeitigem Fehlen einer erkennbaren Bevorzugung vertrauter Bezugspersonen. Die Abgrenzung zu anderen Entwicklungsstörungen sowie zur reaktiven Bindungsstörung mit ihrem gegenteiligen, gehemmten Verhaltensmuster ist wichtiger Bestandteil der diagnostischen Einordnung.

Behandlung

Die Behandlung der Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung stützt sich vor allem auf den Aufbau stabiler, verlässlicher Beziehungserfahrungen mit einer oder wenigen konstanten Bezugspersonen, um dem Kind zu ermöglichen, nachträglich eine sichere Bindung zu entwickeln. Bindungsorientierte therapeutische Ansätze sowie die gezielte Stärkung der elterlichen oder betreuenden Feinfühligkeit und Verlässlichkeit sind zentrale Bestandteile der Behandlung. Auch die Aufklärung von Bezugspersonen über das charakteristische Verhalten des Kindes sowie über einen angemessenen, sicherheitsfördernden Umgang mit dem distanzlosen Kontaktverhalten gegenüber Fremden ist wichtig, um Risikosituationen zu vermeiden. Eine kontinuierliche, langfristig angelegte therapeutische Begleitung ist bei dieser Störung häufig notwendig, da sich stabile Bindungsmuster nur schrittweise über einen längeren Zeitraum aufbauen lassen.

Verlauf und Prognose

Der Verlauf der Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung hängt maßgeblich davon ab, wie schnell und wie stabil dem Kind im weiteren Leben verlässliche Beziehungserfahrungen ermöglicht werden können. Mit frühzeitigem Zugang zu einer stabilen, kontinuierlichen Bezugsperson sowie gezielter bindungsorientierter Unterstützung kann sich das Bindungsverhalten im Laufe der Zeit deutlich verbessern. Bleiben die Beziehungserfahrungen des Kindes jedoch weiterhin instabil oder wechselhaft, kann sich das distanzlose Verhalten bis ins Jugend- und Erwachsenenalter fortsetzen und die Fähigkeit zu stabilen, vertrauensvollen Beziehungen dauerhaft beeinträchtigen. Eine möglichst frühzeitige Stabilisierung der Lebens- und Beziehungssituation des Kindes ist daher von entscheidender Bedeutung für eine günstige langfristige Entwicklung.

Quellen & weiterführende Stellen

Eigenständig verfasst und zusammengefasst, kein diagnostischer Ersatz für ärztlichen Rat. Rechts- und Fachstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Anzeige
FAQ

Häufige Fragen

Worin unterscheidet sich diese Störung von der reaktiven Bindungsstörung?

Bei der reaktiven Bindungsstörung zeigen Kinder ein eher gehemmtes, zurückhaltendes Bindungsverhalten, während Kinder mit Bindungsstörung mit Enthemmung ein gegenteiliges, distanzloses und wahlloses Kontaktverhalten gegenüber Fremden zeigen.

Warum ist das distanzlose Verhalten riskant?

Da betroffene Kinder keine altersgemäße Vorsicht gegenüber Fremden entwickeln, besteht ein erhöhtes Risiko, in unsichere oder gefährliche Situationen zu geraten.

Welche Erfahrungen begünstigen diese Störung?

Häufig entsteht die Störung durch stark instabile oder wechselhafte frühe Beziehungserfahrungen, etwa bei häufigen Wechseln der Bezugspersonen oder unzureichender individueller Zuwendung in den ersten Lebensjahren.

Kann sich das Bindungsverhalten noch verbessern?

Ja, mit frühzeitigem Zugang zu einer stabilen, verlässlichen Bezugsperson sowie gezielter bindungsorientierter Unterstützung kann sich das Bindungsverhalten im Laufe der Zeit deutlich verbessern.

Erste Hilfe lernen statt nur nachlesen

Im Kurs übst du die Handgriffe unter Anleitung — Theorie und Praxis zusammen.

Kurs finden Inhouse anfragen